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Die Toten Hosen

Kritik zum Konzert am 18. Juni im Olympiastadion in München

„Die Toten Hosen“ zum 40jährigen – „Donots“ und „Feine Sahne Fischfilet“ als Support

Wenn der Mensch älter wird, reflektiert er ab und an die zurückgelegte Wegstrecke. Jubiläen sind ein besonderer Kick für solche Momente. Meistens gibt es dann auch Kuchen und Torten. Und Erinnerungen! Schöne meist mehr! Und solche hatten „Die Toten Hosen“ zu Hauf in einst nie gedachten 40 Bandjahren ins Album geklebt. Apropos geklebt! Der Schweiß klebte bei 34 Grad im Münchner Olympiastadion jeden saugfähigen Fetzen Klamotten und Haarstränen an den Feierbody. Was für eine Nacht in Bayern! Welcher Schwall an Emotionen! Was für Fontänen an Hymnen! Und natürlich 105prozentig ehrlich und überzeugend „Alles aus Liebe“. Liebe zu einer Band, die dieses Deutschland in diesen Jahren geprägt hat.

Auch ich erinnere mich. Es war der 26. Juli 1986, als „Die Toten Hosen“ mich ansprachen, nicht ich sie. Auf der Pressetribühne beim „Anti-WAAhnsinns-Festival in Burglengenfeld. Die Plattenfirma Virgin hatte irgendwann vorher Jutetaschen bei der Bemusterung verschickt. Die Kameratasche war voll, Kleinkram steckte in dieser Jutetasche. Und die Hosen fragten schüchtern, ob ich von Virgin sei. Es war ein spontaner Erstkontakt mit einem Gruppenbild, das man heute Selfie nennen würde. Und lustigen Bildern vom Aufbau ihres „Hosen-Hotels“ rechts von der Bühne. Am nächsten Morgen waren sie um 11 Uhr mein lautester Wecker im Fotograben – ever! Im Konzertfilm über das Festival ist eine meiner Favoritenszenen jene geblieben, als die Hosen erzählten, sie seien nach der Durchfahrtskontrolle bei der Polizei gleich nochmals umgekehrt und erneut durchgefahren, weil sie sich mit dem Einsatzleiter so gut verstanden hätten. Knutsch!

Auf die Nacht in München habe ich 40 Jahre gewartet. Zumindest die Emotionen in mir! Ein Chapeau insbesondere auch der Videodesignfirma, die im Background ein Gefühlsfeuerwerk nach dem anderen ablaufen ließ. So viel Sisyphus-Arbeit, so große Kunst! So viele Erinnerungen und Empathie zum Eintauchen. Und am besten nie wieder auftauchen! Suhlen und wohlfühlen! Hymne an Hymne! 30 Songs, die wie ein Gipfelspringen durch die Bandgeschichte Höhepunkt an Höhepunkt reihten. Mit Hooklines, die keine Chance ließen, sich nicht in den Chor einzureihen. Manche haben das den Hosen in 40 Jahren als Kommerzialisierung vorgeworfen. Leute, wie würde der Österreicher sagen: „Geht sch…“.  Zweieinhalb Stunden Hymnen für die Menschen! Melodien für Deutschland! Einzelne Titel aus dem Chorgefüge herauszuheben, hieße die anderen zu Unrecht nicht zu nennen.

Mit Südcholorit für Bayern und München und das emotional bebende Olympiastadion herauszuheben, wären aber „1000 gute Gründe“, mit einer imaginären Jodel-Hommage an die Freundschaft mit Gerhard Polt und den Wells. Oder die Kindheitsreminiszenz von Campino, als er ausführlich an die Badetage mit den Eltern am Klostersee (Seeoner See) erinnerte. Neu war, dass Campino mit seinem CDU-Dad lange vor der CSU in Kloster Seeon war. Und die Story von der Notbremsung im Bandbus am wiedergefundenen Ortsschild zum Seeoner See, war nur eine von vielen tollen Anekdoten aus vier Hosen-Jahrzehnten.  „Die Toten Hosen“ blickten zurück, ohne den Kopf zu wenden. Bei Vollgas, straight ahead!

Apropos Dad. Trotz aller endlos scheinenden Hymnen waren die eher leisen Momente fast die intensivsten. „Kamikaze“ war so ein Moment. Aber wie kein zweiter Song steht „Draußen vor der Tür“ für diese Zäsur. Er steht für die Reflexion der Vergänglichkeit, den Frieden mit dem einst unversöhnlich scheinenden Familienleben. Auch das Sich-Vergegenwärtigen, dass die Welt sich auch für einen punkigen Geist weiterdreht, wenn Campino erzählt, dass er seinen durch Kreuzberg ziehenden Sohn nur alle vier Wochen sieht, wenn überhaupt. Time flies! Geschichte und Geschichten wiederholen sich. Abnabelung ist elementar wichtig! Sie zu akzeptieren aber auch. Mit dazu beiträgt, der Rückblick auf 40 Jahre eigene Entwicklung. Und das haben „Die Toten Hosen“ mit dieser Jubiläumstour so was von genial auf die Bretter gestellt, dass jede Hymne im auch optischen Meer der Fanhände schwimmen und sich treiben lassen konnte.

Auch die Supports von „Donots“ und „Feine Sahne Fischfilet“ wurden frenetisch gefeiert. Im Kampf mit der brennenden Sonne legten die „Donots“ sogar gleich bei „Calling“ noch ein paar Grad Celsius on top drauf! Und ab „Wake The Dogs“ und „Dead Man Walking“ kannte der Strom an Schweißfluss keine Ufer mehr. „Feine Sahne Fischfilet“ antworteten auf die Temperaturen bei „Rausch“ gleich mit Bierdusche für die Kameras im Fotograben.

Eine Schlusshommage auch an jene, die oft vergessen werden. All die Hands, Secus und allen anderen Produktionsgewerke, die trotz dieser grenzwertigen Temperaturbelastungen ihre anstrengend Jobs wieder mit Leidenschaft machen. Sie haben den allergrößten Respekt verdient, weil ohne sie Tage wie dieser, um es mit den Hosen zu sagen, nie möglich wären.

Bernd Schweinar / www.allmusic.de

Die ganze Bilderstrecke, mit vielen auch historischen Aufnahmen vergangener Gigs: https://www.allmusic.de/bildergalerie/die-toten-hosen