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Die Ärzte

Kritik zum Konzert am 16. Juni im Olympiastadion in München

Die großen netten Jungs – „Antilopen Gang“ als Support mit gutem Job

Beim letzten Aufeinandertreffen mit den „Ärzten“ stürmte die Polizei die Garderobe und unterbrach unser Interview zur Personalienfeststellung der Band. Das war 1987 in Regensburg. Grund war, dass sich die Band nicht an das Indizierungsverbot von „Geschwisterliebe“ gehalten und es trotzdem gespielt hatte.  Heute sehen „Die Ärzte“ das differenzierter, was sich auch in der Ausklammerung im Downloadservice spiegelt. Wie die Geschichte damals weitergegangen ist, wäre eine Interviewfrage wert gewesen. Auch, wie sie ihre Rolle als Tagesschau-Promi-Sprachrohr für die Kulturschaffenden während Corona im Nachhinein einschätzen würden. Das Interview gab es leider im Vorfeld ihres Münchner Open-Air-Gigs im Olympiastadion nicht.

Live sind „Die Ärzte“ die netten großen Jungs von einst geblieben. Die Bühne ein elendig großer Sandkasten. Mit drei angejahrten Kids unter Strom, die irgendwie am liebsten quasseln und Witze reißen und das auch nicht nur aufgesetzt absolvieren. Helikopter-Mamas würden an ADHS denken. Fans, wenn vielfach auch mit ihnen älter geworden, zappeln begeistert mit, tauchen ein in die Gags und johlen, wenn Bela einen aus der Menge auf das Videoschild hebt, weil er es geschafft hat zehn Biere fast voll bis vor die Bühne zu jonglieren. Vor „Fiasko“ üben sie minutenlang mit dem Publikum ein „Huuh“ als Running-Gag-Antwort – wäre auch als Waldkindergartenspiel hinter Bäumen durchgegangen.  Sie könnten auch als Wortkabarettisten nach dem GEMA-Tarif abgerechnet werden. Fast! Wären da nicht die 40 Songs, die sie in über zweieinhalb Stunden über die Bühnenkante brettern. Chapeau! Denn zwischendurch fällt ihnen dann doch wieder ein, dass sie ja eigentlich auch wie wieder den nächsten Song anstimmen könnten: „Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, elf, zwölf, dreizehn…wusch“. Trotzdem zünden die aktuelleren Songs nicht mehr so wie früher. Müssen sie das? Muss man nicht auch Autoren zugestehen, dass sie nicht immer von einem Zenit zum nächsten Schlafwandeln? Die Jahre sind ins Land gezogen, um es mit den „Hosen“ zu kommentieren. Aber die buchstäbliche Spielfreude sprudelt noch aus jeder Sekunde der zweieinhalbstündigen Show. Konstant geblieben ist über all die Zeit aber Ihr Engagement. Ein Einsatz, der schon immer Respekt verdient hatte. „Die Ärzte“ haben über alle die Jahrzehnte fasziniert, weil sie kompromisslos und non-konform gesellschaftlich relevante Positionen bezogen haben. Das Olympiastadion erklären sie vor „Doof“ zur sicheren Zone, weil es Nazi-frei sei. Sie appellieren daran, Hingefallenen wieder aufzuhelfen – nicht nur aus Sicherheitsgründen vor der Bühne. Irgendwie hat das auch was davon, der unsicheren Rentnerin über die Straße zu helfen. Nette Jungs halt!

Die „Antilopen Gang“ hatte bei über 30 Grad in der vollen Sonne einen brachialen Support-Job. Den aber erfüllten sie mit Bravour. Schwerarbeiter, die im Flow heftig schwitzten. Und wo „Stück Dreck“ ein eher subjektiver Höhepunkt war. Ebenso wie im eher getragenen Bereich das Stück „Enkeltrick“, das für mich eh zu einer der gesellschaftlichen Benchmarks zur Sensibilisierung von Perversität bei Kriminellen zählt.

Bernd Schweinar / www.allmusic.de