altemaelze

Ewig und drei Tage

Don Marco & die kleine Freiheit

Im realen Leben heißt er Markus Naegele und verdient sein Geld als Verlagsleiter bei Heyne Hardcore. Daneben hatte er seit 2016 zusammen mit drei anderen, sich eher schon im gesetzten Alter befindlichen Herren eine Band: „Fuck Yeah“ mischte all die Zutaten zusammen, die für sie die Musik ausmachten, welche sie von jeher selber gerne gehört haben. Doch irgendwie ging das den Bach hinunter und Naegele nannte sich in Don Marco um, und die Band um ihn war jetzt „Die kleine Freiheit“. Von Fuck Yeah war noch Kevin Ippisch dabei, ansonsten neue Musiker als Gäste. Und gesungen wurde jetzt in der Muttersprache. 2021 erschien mit „Gehst Du mit mir unter“ das Debut. Dazu Don Marco: „Im Januar 2021 mitten in die flächendeckenden Ladenschließungen ein Debütalbum zu veröffentlichen war vielleicht nicht die smarteste Geschäftsidee aller Zeiten, aber was ist in diesen Zeiten schon smart? Das Leben lässt sich eben nicht verschieben – und es soll ja auch weitergehen!“ Und genau das machte er – unverdrossen und getragen von einer Förderung der Initiative Musik der Bundesregierung – sich daran einen neuen Longplayer einzuspielen, dazu gleich ein Doppelalbum.

Schon im Herbst 2020 begannen die Aufnahmen zum Zweitling. „Die Arbeiten am Debütalbum mit dem ganzen Drumherum waren aufreibend und kräftezehrend, andererseits haben sie mir über diese seltsame Zeit hinweggeholfen, weil ich ständig Ziele vor Augen hatte. Die enorme mediale Resonanz auf die Veröffentlichung war natürlich schön, es wäre noch schöner gewesen, das Album live zu promoten. Ging halt nicht, da hilft kein Jammern. So habe ich einfach weiter an neuen Songs geschrieben und alte überarbeitet. Darüber hinaus hatte ich das Glück, in München fantastische neue Musiker*innen zu finden, mit denen ich spielen konnte. Normalerweise wären die in zig Projekten verplant gewesen, plötzlich hatten sie Zeit.“ Bei den Aufnahmen selbst wurde das Experiment vom Debütalbum wiederholt. Ohne große Proben und Absprachen ging es erneut für einige Tage nach Niederding zu Bonifaz Prexl ins Bones Studio außerhalb Münchens. Aus Berlin reisten wieder Lap-Steel-Gitarrist Kristof Hahn (Swans, Les Hommes Sauvages) und Bassist Tim Jürgens (Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen, Superpunk) an, dazu gesellte sich die München-Bande, bestehend neben Kevin Ippisch aus Gitarrist Philip Bradatsch, Drummerin Maria De Val (u.a. Me & Marie, Ganes), Keyboarderin Teresa Staffler (Drip, Schotter) sowie Akkordeonist Maxi Pongratz (Kofelgschroa). An gerade mal drei Tagen wurde ein gutes Dutzend Songs aufgenommen, kurz bevor der nächste Lockdown alles zum Erliegen brachte. Erst im Sommer 2021 konnte es weitergehen. Dazwischen gab es eine Auftragsarbeit des Rolling-Stone-Magazins zum 80. Geburtstag von Bob Dylan: „I Want You“ wurde mit Produzent Nico Sierig (Joashino, Instrument) aufgenommen. Hier kam erstmals das Omnichord, eine Art elektronische Zither aus den 80ern, zum Einsatz, auf dem Album in Folge öfters zu hören. Überhaupt ist der Sound gegenüber dem Debütalbum noch reicher und breiter angelegt. Sound- und stilmäßig ist das fast schon grell-bunt. „Ich wollte mich noch weiter aus der klassischen Indierock-Komfortzone herausbewegen, habe mir ein Fender-Rhodes-Piano und alte Drumcomputer zugelegt, mit gewagten Chorgesängen herumexperimentiert. Da passte es wie die Faust aufs Auge, dass ich mit Maria und Teresa zwei großartige (Chor-)Sängerinnen an Bord hatte, die auf höchstem Level umsetzen konnten, was ich mir höchstens in den kühnsten Träumen hätte ausmalen können.“ Ohne Scheuklappen erhielt jeder Song genau die Behandlung, die er verdient hatte und die ihm am besten zu Gesicht steht. Das kann Garage-Glamrock sein („Zahnfleisch“, Peter Maffay“), fast schon soulige Laissez-fair-Grooves („Der Boden der Tatsachen“, „Zwei Meter“), Disco-Hula-Hoop-Anleihen („Bis zur Rente“), entrückter Westcoast-Folk („Meine Ruh“) oder eine epische Piano-Orchesternummer wie „Schöne Neue Welt“. Anything goes, was zählt war letztlich der Song, und davon sind es am Ende 18 geworden, die als Vinyl-Ausgabe gleich als Doppelalbum erscheinen. Dazu Don Marco: „Und weil mir alle Songs etwas bedeuten und sie mir über eine schwierige Phase in meinem Leben hinweggeholfen haben, ist es jetzt auf Vinyl ein Doppelalbum geworden. Wenn nicht jetzt, wann dann?“ Recht hat er, denn das ist eine gelungene Produktion. Man hört, spürt, dass diesen Musikern ihre Musik eine dringende Herzensangelegenheit ist. (off label record/Broken Silence) P.Ro

*****

******* = genial / ****** = phänomenal / ***** = optimal / **** = normal / *** = trivial / ** = banal / * = katastrophal