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The Rolling Stones

Kritik zum Konzert am 5. Juni im Olympiastadion in München.

Sandy Caspers schreibt ihre persönlichen Eindrücke!

Am Samstag, da machte Mick Jagger noch persönlich die Stadt unsicher mit Besuchen am Eisbach im Englischen Garten, im Biergarten und dem Odeonsplatz – gleich ums Eck von der traditionellen München-Residenz der Stones, dem Mandarin Oriental. Und prostete bei weltbestem Wetter optimistisch mit einer Mass in die Kamera auf seinem Instagram-Post: “See you tomorrow!” steht da zu lesen. Am Sonntag kannten die Wolken ab vier Uhr nachmittags aber dann keine Gnade – stundenlang schüttete es wie aus Kübeln. Dann die Nachricht vom Veranstalter: der Einlass wird wegen einer Unwetterwarnung eine Stunde nach hinten verschoben. Und die Autorin dieser Zeilen wartete bis auf den letzten Drücker, bis sie schliesslich mit der Festival-geprüften Regenjacke und einem Schirm bewaffnet das Haus verliess. Denn diese Show durfte man als Stonesfan schlicht und ergreifend nicht verpassen. Hunderte Male hatte es in den vergangenen Jahrzehnten schon gehießen, die jeweilige Tour wäre höchstwahrscheinlich und definitiv “die letzte”. Aber nie standen die Zeichen so dafür, dass dieser Satz Realität werden könnte, wie diesmal. Die Hauptprotagonisten gehen stramm auf die 80 zu und vergangenen August starb Gründungsmitglied und legendärer Publikumsliebling, Drummer Charlie Watts. Wie lang kann das noch gutgehen, fragt man sich da ….aber: es ging gut, soviel schon vorweg! Zuallererst mal hatte der Himmel ein Einsehen und ca. zwei Stunden vor Showbeginn rissen die Wolken zögerlich auf und gaben den Blick auf einen vielfarbigen Sonnenuntergang frei. Die Support-Band REEF (mit Ronnie Woods Sohn Jesse an der Gitarre) kam zwar gut an. Aber eigentlich warteten alle auf Keef. Nach einer obligatorischen Umbaupause baute “Bohemian like you” von den Dandy Warhols geschickt Spannung auf – es gibt wohl kaum einen Song aus den letzten Jahrzehnten, der sich so unverschämt und effektiv eines Riffs im Stile von Keith Richards als Intro bedient als dieser. Danach begann ein Video, das Drummer Charlie Watts mit Bildern aus seinem bewegten Leben als Schlagzeuger der Rolling Stones feierte. Eine leicht gekürzte Version dessen, was vergangenes Jahr kurz nach seinem Tod auf den Konzerten in den Staaten zu sehen war. Dann die Ansage, auf die alle gewartet hatten und vermutlich jeder im Publikum schon mindestens einmal im Lauf seines Lebens gehört hatte: “Ladies and Gentlemen: The Rolling Stones”.

Die Band betrat zu den Klängen von “Street Fighting Man” die Bühne. Und legte sofort mit Vollgas los. Die neue Rhythmussektion aus Daryl Jones und Expensive Winos-Drummer Steve Jordan pumpt und groovt. Jagger strahlt und hibbelt. Keith und Ronnie wirken anfangs sehr konzentriert. Das lässt später ein wenig nach, und das hört man dann auch an diversen Aussetzern auf dem Griffbrett. Über so etwas regt sich kein Mensch hier auf und es war, davon abgesehen, schon mal schlimmer. Ausserdem kann so keiner behaupten, hier würde nicht live gespielt. Jagger erzählt, der heutige Abend wäre die 116. Deutschlandshow der Stones. Respektabler Rekord, aber schliesslich heisst die Tour nicht umsonst “Sixty”. 60 Jahre ist diese Band schon quer auf diesem Planeten unterwegs. Entsprechend groß der Auswahlkatalog an Songs. Zu Beginn ist das Set noch gut durchwirkt von Material, das vor 1980 entstanden ist. Keith singt “Connection” und man will ihn mit seinem Wollmützchen am liebsten umarmen. Was für eine Transformation vom – zweifellos genialen Gitarristen – aber doch schwer suchtgebeutelten Problemkind der 70er. Wir, die Mitglieder der Church Of Keef, wussten selbstverständlich schon immer, dass er einer von den Guten ist. Sympathie und Applaus branden die Bühne hoch in seine Richtung wie Atlantikgischt.

Der Lockdownsong “Living in a ghosttown” wird trocken und schnörkellos serviert und erinnert daran, dass Band und zehntausende Besucher heute auch feiern, dass zwei Jahre Pandemie hinter uns liegen. Danach wird schrittweise in den Topf mit den Klassikern gegriffen. Eins ums andere Mal fliegen die Riffs, die über die Jahrzehnte Millionen Songs, zehntausende von Garagenbands und Myriaden von Luftgitarristen heraufbeschworen haben. Apropos “heraufbeschwören”: beim Anblick von Jaggers Bühnenpräsenz fallt mir zwischendurch auf, was mir an den meisten Bands der letzten Zeit abgeht: ein Zeremonienmeister! Einer, der da vorne mit intuitiver Sicherheit um seine eigene Magie weiss und sie ungeniert einsetzt. Der die Augen nicht vom Publikum lässt und nicht müde wird, sie anzusprechen mit seiner Gestik, mit seinen Ansagen. Er hat sie schon längst alle im Sack, als die ersten Klänge von “Sympathy for the devil” einsetzten. Die Menschen singen längst den Chor zusammen mit den Akkorden, die Matt Clifford vorgibt, bevor die Band beginnt. Es ist ein altes Ritual, das alle hier kennen und bei dem jeder mitmacht. Jagger wirbelt vorne in einem pailettenbesetzten Mantel, Keith läuft auf den rechten Laugsteg und schrappt ein paarmal derb daneben. Aber wer kann ihm das übelnehmen, wenn ihm jedesmal danach das Gesicht zu einem breiten Grinsen auseinanderfällt. Solos warem eh nie sein Ding: “my motto is: solos come and go, riffs are here to stay”, sagte er vorletzen Monat in einem Interview.

Nach gut zwei Stunden ist das reguläre Set beendet. Ohne “Brown Sugar”. Der Song wurde vergangenes Jahr von der Setliste genommen, weil es Beschwerden gab, er würde verkappt rassistische Inhalte kolpotieren. Schade, denn das tut er nicht. Und er fehlt. Aber gleich nachdem die Band nochmal für die Zugaben auf die Bühne kommt, hält sich keiner mehr damit auf, ihn zu vermissen. Die ersten Töne von “Gimme Shelter” lösen ein Tosen im Publikum aus. Der Song wird zum grossen Moment von Backgroundsängerin Sasha Allen, die in einer glitzernden Fransenjacke über die Bühne wirbelt und sich mit Jagger duelliert. Im Begleitvideo, das über die grossen Leinwände flimmert, sind Szenen aus den von russischen Bomben verwüsteten ukrainischen Städten zu sehen. “It`s only Rock & Roll”? I don`t think so….Zum guten Schluss dann der traditionelle Rausschmeisser, ohne den Band wie Publikum nicht nach Hause gehen würden. Das fuzzverzerrte Saxofonintro von “Satisfaction” schäumt das Publikum nochmal zum Ende richtig hoch. Keith und Ronnies Gitarren schneiden die Nachtluft und Jagger gibt nochmal alles, bevor sich die Band tief verbeugt und die Bühne verlässt. Zurück bleibt ein Publikum, das diesen Abend sicher nie vergessen wird. Einig sind sich so gut wie alle: das war ein fantastisches Konzert und so gut hat man die Stones bei weitem nicht immer gesehen! Gut, dass wir alle dabei waren!  (CaSa – Text+Fotos)

Setlist: