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Prickelnde Gespräche mit den Oberpfälzern

Luise Kinseher läuft als Mama Bavaria immer dann zu großer Form auf, wenn sie mit dem Marina-Publikum ratscht.

Kritik zum Auftritt von Luise Kinseher im Marina-Forum in Regensburg am 20. Mai

Was ist des Bayern Mutterland? Was hält die weißblaue Seele zusammen? Und sorgt dafür, dass dieses Innerste nicht ungemütlich wird und auseinanderfällt, wie Semmelknödelteig, bei dem mit den Eiern gespart wurde? Wer auf unseren Kabarettbühnen also könnte mehr Kompetenz vorweisen bei der Beantwortung solcher fundamentaler Fragen, als die Luise Kinseher? Eben – denn schließlich war sie acht Jahre lang beim Politikerderblecken die „Mama Bavaria“. Mit anderen Worten: Bis heute ist sie Allegorie und Personifikation unseres Freistaats. Herabgestiegen von ihrem Sockel vor der Ruhmeshalle auf der Theresienwiese entledigte sie sich lediglich des Bronzekleids. Und nahm die Mutterrolle an, um vom Nockherberg aus ihren ungehorsamen Landeskindern die Leviten zu lesen und auch den Marsch zu blasen. Prost! Schwoammas obe!

Bei diesen alljährlichen Studien lernte sie offenkundig auch, „dass wir vergessen haben, wo wir hergekommen sind“ und „nicht mehr wissen, wo wir hingehören!“ Weshalb wir uns einen „Dackel an die Leine hängen“. Weil das Tier, es folgt schließlich seinen Instinkten.

Ein Wirtshausstuhl ist der Mittelpunkt des weißblauen Universums der Luise Kinseher – nicht nur, wenn sie ins Kleid der Bavaria schlüpft.

Das kommt hier im Marina-Forum (die Räumlichkeit mit ihrer bigbandtauglichen Bühne ist kein idealer Ort fürs Solokabarett – und die Akustik ist auch nicht brillant) zwar nicht aus dem Mund der Mama Bavaria, sondern zischt über die Lippen der stets von einem Surri beflügelten „Mary from Bavary“. Aber das spielt eigentlich keine Rolle, welche der Kinseher’schen Figuren (Helga Frese hat sie auch noch im Angebot – die Hamburgerin freilich wähnt sich aufgrund des „Mamma mia“ im Programmtitel in einem trachtenkostümierten ABBA-Musical) sich gerade der Erkundung der bayerischen Seelenlandschaften widmen.

Und so arbeitet sie sich mit Söders Weltraumplänen und Hubsis Sprachproblemen durch die Themenpalette dieser Gegenwart – für die sie die erhellende Formulierung findet, viele Leute fühlten sich seit dem Beginn der Pandemie (und jetzt: die Affenpocken!) wie nach dem Umzug in eine neue Wohnung: Vergeblich tasten sie sich an der Wand entlang, weil sie den Lichtschalter nicht mehr finden.

Diesem Dunkel unserer Gegenwart aber hat Luise Kinseher nicht nur die Vision entgegenzusetzen, dass das Bayern ihrer Fasson ein großer gastronomischer Betrieb wäre – weshalb sie auch einen wunderschönen, gedrechselten Wirtshausstuhl auf der Bühne stehen hat. Schon als Urmutter zu Zeiten des römischen Straßenbaus hat sie das erlebt. Und dort hat sie offenbar auch ihre allerstärkste Fähigkeit erlernt: Ja, das Singen schon auch. Aber vor allem das, was vielleicht der Free-Jazz der Kabarettisten ist: nämlich das spontane Gespräch mit dem Publikum. Aus diesem Hineinhorchen weiß sie grandiose Miniaturen hervorzuzaubern.

Die schönste Geschichte war sicher die mit dem Wirt aus Tirschenreuth. Der nämlich konnte nur deshalb anwesend sein, weil er seine Öffnungszeiten auf zwei Stunden am Tag reduziert hat. Wäre er jetzt Teil der Kinseher‘schen Idealwelt des ewigen bayerischen Wirtshauses und müsste deshalb selbst rund um die Uhr hinterm Tresen stehen – diese Pointen, sie wären ungehört geblieben. (PeG)

Karriere: Geboren wurde Luise Kinseher in Geiselhöring. Kurz nach ihrem Karrierestart gewann sie 1999 das Scharfrichterbeil. Acht Jahre lang war sie dann auf dem Nockherberg die erste weibliche Predigerin in die Rolle der „Mama Bavaria“.

Auszeichnung: Seit Luise Kinsehers Ausscheiden im Jahr 2018 tritt sie in dieser Rolle auf den Kabarettbühnen auf. Am Tag nach ihrem Gastspiel in Regensburg wurde die Kabarettistin mit dem Salzburger Stier ausgezeichnet.

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