altemaelze

Meine Ängste

Maxi Pongratz

Während Kofelgschroa im Dornröschenschlaf verfallen sind präsentiert Maxi Pongratz sein zweites Soloalbum.

In einer mittelfernen Zukunft, wenn man zurückblickt, auf den Beginn dieser höchst merkwürdigen 20er Jahre des 21. Jahrhunderts, ganz bestimmt wird man dann die Qualität von Kunst auch daran messen, wer welche Worte gefunden hat, um den Erschrecknissen der Finsternis dieser Gegenwart Ausdruck zu verleihen. Die Kabarettistin Luise Kinseher beispielsweise spricht davon, die meisten Leute fühlten sich gerade so wie nach einem Umzug in eine neue Wohnung: Vergeblich tasten sie sich an der Wand entlang und finden den Lichtschalter nicht. Ähnlich erhellend, um diese schwarzen Löcher des Moments zu beschreiben, ist das, was Maxi Pongratz auf seinem neuen Album „Meine Ängste“ reimtechnisch aus der Finsternis seines Ärmels schüttelt. Und so kurzerhand zum Favoriten avanciert, für alle, die sich an dichten Beschreibungen erfreuen. Weil er mit seinem Zweiminutenfünfzig-Titelsong ganz unverblümt die Nachtseitigkeit dieser letzten zwei Jahre anspricht (ohne dabei „Corona“, „Krieg“ oder „Klima“ in den Mund zu nehmen) und, begleitet von Akkordeon und akustischer Gitarre, seine „Ängste“ auf „engste“ reimt. Und damit scheinbar spielend einen Kniff findet, für unsere Erfahrungswelt.

Überhaupt: Es klingt hier alles so einfach. Und ist doch genau das Gegenteil. Weil eben diese Ästhetik des Selbstgestrickten ein magnetisch in den Bann ziehender künstlerischer Ausdruck ist, eines komplexen und vielleicht auch umständlichen Menschen. Der dabei über jene Grundfragen des Seins sinniert, wie sie schon in den Tagen der Antike auf der Agenda standen: „I bin geboren und kann mi goa ned erinnern, dass mi irgendwer gfragt hod, ob i gern geboren werden dad!“ Um dann eine Stufe höher zu steigen und sprachkritisch sich selbst zu hinterfragen: „Ob ma des grammatikalisch so sagen ko? Aber i glaub trotzdem, dass ma’s versteht!“  Genau solche – hatten wir das Wort schon? – Kniffe, sie machen dieses zweite Solo-Album von Maxi Pongratz, dem Mitglied der in den Dornröschenschlaf verfallen „Kofelgschroa“, so wertvoll: Dass es über ein auffallend hohes Maß an Eigensinn verfügt. Und auch an verdrehter Komik. Und damit genau jene Räume anzureichern und vielleicht sogar zu reinigen vermag, in denen sich Angst festgefressen hat. Mein Album des Jahres 2022? Stellen Sie mir doch die Frage in zehn oder 15 Jahren noch einmal. Die Antwort aber wird dann ganz bestimmt „‘Meine Ängste‘ von Maxi Pongratz“ lauten! (Trikont) Peter Geiger

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