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Restoration

Colosseum

Wiederbelebung einer großen Combo!

Colosseum wurde 1968 von ehemaligen Mitgliedern des New Jazz Orchestra – Jon Hiseman (Schlagzeug – Graham Bond Organisation, John Mayall’s Bluesbreakers), Dick Heckstall-Smith(Saxophon – Graham Bond Organisation, John Mayall’s Bluesbreakers) und Dave Greenslade (Keyboards – Chris Farlowe’s Thunderbirds) – gegründet und gehörte zur Avantgarde der Jazz/Prog-Rock-Bands. Diese Combo fusionierte auf einzigartige Weise Jazz, Blues, Rock und klassische Elemente und wurde zum Vorreiter eines ganzen Genres. Als dann 1969 Gitarrist Clem Clemson, danach 1970 Bassist Mark Clarke James Litherland und Tony Reeves ersetzten und R&B-Sänger Chris Farlowe zur Band stießen, war eine neue Supergroup geboren. Was sich auch darin zeigt, dass das 1971er Album „Colosseum live“ bis heute zu den besten Livealben der Rockgeschichte zählt. Leider löste sich die äußerst innovative und dynamische Live-Band schon 1971 auf, um sich 1994 für eine Reihe von Tourneen und neuen Alben zu reformieren, die bis in die 2000er Jahre andauerten, für den 2004 gestorbenen Heckstall-Smith kam Hiseman’s Frau Barbara Thompson in die Band. Doch mit dem Tod von Jon Hiseman 2018 schien das Kapitel endgültig abgeschlossen. Doch 2020 kam es zu einer neuen Re-Union, bestehend aus Frontmann Chris Farlowe, dem Gitarristen Clem Clempson und dem Bassisten Mark Clarke. Dazu kamen an Hammond-Orgel, Piano, Synthesizern und Gesang Nick Steed, ein Keyboard-Zauberer und Songwriter, der bereits mit Van Morrison, PP Arnold, Chris Farlowe und Sonja Kristina zusammengearbeitet hat und dessen Songwriting von Bands wie Toto und Snarky Puppy weltweit gelobt worden ist. Kim Nishikawara ist ein gefragter Blues/Jazz-Saxophonist, der mit Jack Bruce, Alan Price, Cliff Bennett, Maggie Bell und Chris Farlowe zusammengearbeitet hat. Er übernimmt die Rolle die früher einer seiner großen Helden, Dick Heckstall-Smith, innehatte. Die neue Besetzung am Schlagzeug wird durch Malcolm Mortimore vervollständigt, dessen Schlagzeugstil als „frei, schrullig und komplex“ beschrieben wurde. Er war Mitglied der legendären Prog-Band Gentle Giant und spielte mit unzähligen Sängern wie Tina Turner, Bobby Womack, Tom Jones und Van Morrison sowie mit Jazz-Legenden wie Barney Kessel, oder Buddy Tate. Dass nun mit „Restoration“ ein brandneues Colosseum-Longplayer Ende April erscheint, dessen zehn Songs sozusagen nahtlos zu den alten Klassikern wie „Stormy Monday Blues“ oder „The Valentyne Suite“ aufschliessen, ergab sich aus der Entscheidung von Clempson und Clark nach dem Tod ihres Freundes Hiesman, mit dem sie zuvor das Trio JCM gegründet hatten, weiterzumachen. Clempson erkärt dazu: „Ein neues JCM-Album war schon geplant, doch diesmal sollten auch Keyboards und Saxophon dabei sein, denn wir wollten auch einige der alten Colosseum-Klassiker in die Live-Sets einbauen, und als Trio wäre das nicht möglich gewesen. Als dann Chris Farlowe bei einigen Gigs von JCM auftauchte und ein paar Songs zum Besten gab, wurde uns klar, dass wir eine Colosseum-Reunion im Sinn hatten. Jons Familie gab ihren Segen und schließlich riefen wir Dave Greenslade an, ob er mit ihm Boot wäre, der aber aufgrund seines Gesundheitszustands keine Touren mehr absolvieren kann und daher ablehnte – also haben wir uns auf Musikersuche begeben und über ein neues Album nachgedacht.“ Die Aufnahmen begannen bereits Anfang 2020 in Ralph Salmins‘ Studio „The Bunker“ in London, wurden aber vom Corona-Virus jäh ausgebremst und es vergingen gut eineinhalb Jahre, in denen die Musiker fleißig an den Songs knobelten und Files durch das www schickten, bis Farlowe, Clempson, Clark und die Neuzgänge die Recordings in den Temple Studios in London sowie in den Berry House-Studios in Ardingly fortsetzen konnten. Das Ergebnis liegt mit diesen zehn Kompositionen vor, die vom typischen Colosseum-Jazzrock („First in line“) über R&B („Need Somebody“) bis zu klassischem Bluesrock („Story of the Blues“) alles zu bieten haben, wofür diese Band und die beteiligten Musiker stehen, und die sich textlich neben den gängigen Beziehungs-Geschichten auch mit aktuellen Themen wie der Klima-Krise oder dem „schockierenden Egoismus mancher Zeitgenossen während der Pandemie“ befassen. Als Gastmusiker waren bei den Aufnahme-Sessions neben Keyboarder Ronnie Leahy und Drummer Ralph Salmins, der schon bei JCM den erkrankten Hiseman ersetzte, auch Clarkes Tochter Paige Clarke sowie Ana Gracdy, die Tochter von Jon Hiseman und Barbara Thomson, als Sängerinnen dabei. Fazit: ein neues Colosseum-Album, bei dem versucht wird, so zu klingen wie bei den alten Alben. Klingt irgendwie aufgewärmt im Vergleich zum letzten Studio-Longplayer „Time on our side“ der Band von 2014, wo sie einen einen Balanceakt vorführte und die genreverschmelzende Palette der Band erneut ausdehnte, während ihr einzigartiger Stil jedoch immer hörbar bleibt. Und im Vergleich zum 2003 erschienenen Album „Tomorrow’s Blues“ merkt man, dass Dave Greenslade als Songschreiber fehlt. Eigentlich schade, aber ein schlechtes Album ist es trotzdem nicht. Nach Hiseman zeichnete sich Colosseum dadurch aus, dass die Band musikalische Landschaften verwischte und, in den Worten von Jon Hiseman, „rockige, jazzige Rhythmen, Gesang mit intelligenten Worten und improvisierte Soli“ suchte. Das fehlt hier doch! Unter dem Motto „The Return of a Legend“ kommt die reformierte Band im Herbst auf Tour und steht am 14. September im „Hirsch“ in Nürnberg auf der Bühne, und garantiert gibt’s dann vor allem die alten Klassiker! (Repertoire) P.Ro

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