altemaelze

Never let me go

Placebo

Im Vergleich zu den letzten Sachen doch wieder „mutiger, kantiger und kunstvoller“!

Ein Comeback feiern Placebo mit „Never Let Me Go“, den fast ein Jahrzehnt ist vergangen seit ihrem bisher letzten Studioalbum „Loud Like Love“. Die vergangenen Jahre war es ruhig geworden um das wieder auf die Gründungsmitglieder geschrumpfte Duo Brian Molko und Stefan Olsdal. Und dieses Duo meldet sich damit wuchtig-düster zurück. Molko und Olsdal beweisen sich hier wieder als Songwriter und Soundtüftler, die nicht nur ihren fast schon brutalen Appetit auf Selbstdarstellung befriedigen, sondern ihr Sound hat auch eine wütende Relevanz für unsere aktuelle Zeit hat. Aus der Pandemie heraus blicken sie auf eine Landschaft der Intoleranz, der Spaltung, der technischen Übersättigung und der drohenden Öko-Katastrophe. Diese neue Ausgabe von Placebo ist das diametrale Gegenteil selbstgefälliger Karrieresattheit, denn anstatt sich zurückzulehnen und sich auf ihrem früheren Ruhm auszuruhen, setzen sie sich sowohl mit globalen Problemen als auch mit ihren eigenen kreativen Anforderungen auseinander.

Mit ihrer Best-Of-Sammlung „A Place For Us To Dream“ waren sie 2016 auf weltweiter Greatest-Hits-Tour  -größtenteils in Arenen und auf großen Open Air Bühnen – aber diese Tour wurde für die Band schnell zum Albtraum. „Ich fand, dass das alles ein bisschen zu kommerziell wurde, in dieser Zeit – der Zeit der Retrospektive“, sagt Brian heute und lässt eine gewisse Abscheu durchblicken. „Die ganze Sache war eher kommerziell als künstlerisch und wir haben uns dagegen gewehrt. Ich dachte mir: ‚Scheiß drauf, die nächste Platte wird vom Schmerz der Welt handeln!‘ Der stumme Schrei, der überall zu hören ist – das ist es, was mich interessiert. Nicht dieses masturbatorische, selbstbeweihräuchernde Zwei-Jahres-Ding von wegen ‚Sind wir nicht toll?‘“ Es war Brians Energie – unbestreitbar ein widersprüchlicher und ablehnender Geist – die Placebo wieder zum Leben erweckte. Nachdem die Band seit 2015 nur mit einem Tour-Schlagzeuger gearbeitet hatte, schloss sich der Kreis, als nunmehr nur die beiden Gründungsmitglieder wieder zusammenkamen, um 2018 mit der Arbeit an „Never Let Me Go“ zu beginnen – dieses Mal in Stefs Heimstudio in East London, also etwas professioneller als in den Anfangstagen. „In den Pausen zwischen den Tourneen“, erinnert sich Molko, „trafen wir uns dort regelmäßig und besprachen Dinge wie: ‚Jetzt sind nur noch du und ich im Studio – sollen wir eine Platte machen, die so klingt wie nichts, was wir bisher gemacht haben? Und das Schlagzeug komplett selbst programmieren?“

Insgesamt 13 Tracks umfasst „Never Let Me Go“ und mit einem verblüffenden Sound, der an „Kerosene“ von Big Black erinnert und bei dem man sich sofort fragt: „Wie haben die das gemacht? Ist das eine Gitarre oder was?“ Das Intro zu „Forever Chemicals“ war das erste Stück Musik, das für das Album fertiggestellt wurde und es ist kein Instrument, das man erwarten würde. „Ich hatte diese Drum-Machine auf meinem iPad“, verrät Molko, „und ich programmierte einen Beat ein, aber dann schaute ich weiter durch das Menü und entdeckte, dass man diese Drum-Machine auf eine ganze Reihe von Orchesterinstrumenten legen konnte. Also legte ich den Drumbeat auf eine Harfe, und dann verzerrte ich ihn und legte etwas Hall drauf – Bäm! Das ist also ein verzerrter Harfen-Loop, der als programmierter Drumbeat begann. Ich schätze, das war ein Wegweiser dafür, wie wir diese Platte machen wollten.“ Wenn man die Geschichte betrachtet, die das Album erzählt, so erwacht es mit unbändiger Dringlichkeit zum Leben. Die ersten drei Tracks kommen gar mit der Energie einer Teenager-Punk-Combo daher. Aber es hat auch meisterlich vollendete Pop Songs wie „Beautiful James“ zu bieten, eine mitreißenden Hymne für nicht-heteronormative Beziehungen einer Gruppe von Menschen. Insgesamt zeigt der Longplayer viele Stimmungen und Musikstile, die das Spektrum von Placebo erweitern. „Die Platte ist sehr synthi“, erklärt Molko stolz. „Gegen Ende des Jahres 2019 hatte ich mir selbst die Aufgabe gestellt, in jedem Song der Platte einen Synthesizer einzusetzen. Ich hatte Bock darauf, dann hatte Steph Bock darauf und schließlich hatte auch unser Produzent Adam Noble Bock darauf. Jetzt sind auf jedem Song vier oder fünf Synthies zu hören und es ist fast so, als ob die verzerrten Gitarren und die Vintage-Synthesizer gleichwichtig sind und es gibt dieses Drängen und Ziehen zwischen ihnen. Betrachtet man die Melodie, so unterstützen die Gitarren oft nur die Hauptmelodie, die vom Synthesizer gespielt wird.“ Zu diesen synthi Tracks gehören „Beautiful James“, das zischende „Chemtrails“ und das an die Band Visage erinnernde „Sad White Reggae“. Aber Placebos Soundpalette enthält auch Klavier („This Is What You Wanted“), Orchestrierung („The Prodigal“ – Stefan sagt: „Wir haben das Streicherarrangement von „Eleanor Rigby“ von den Beatles immer geliebt, in dem ein einfaches Quartett so kraftvoll und rhythmisch ist“), gesprochene Worte („Went Missing“) und bei „Surrounded By Spies“ ein seltsames Aufeinandertreffen von Rap und Soundtrack-Musik, zu der Stef bemerkt: „Wir haben definitiv das Gefühl, dass das für uns ein bisschen aus der Reihe tanzt.“ Musikalisch hat das Album einen weitreichenden und unerschrockenen Erzählbogen, der viele Bereiche berührt und schließlich in „Fix Yourself“ gipfelt, das sich langsam und stattlich wie ein verlorener Track von The Cures „Disintegration“ aufbaut, aber nie ganz das Versprechen des Titels einlöst, indem es zu einem Happy End führt, sondern stattdessen ergebnislos zu einem beunruhigenden Mantra abdriftet. Für Brian Molko „bleibt es unerlässlich, dass jeder Hörer seine eigene persönliche Geschichte in unseren Liedern entdeckt – ich möchte wirklich niemandem vorschreiben, was er fühlen soll“. Doch im Kern von „Never Let Me Go“ steckt eine Wut, die zwar nie explizit polemisch ist, sich aber spürbar am Wahnsinn und den Ungerechtigkeiten entzündet, denen er im täglichen Leben begegnet. Möglicherweise spielt da die Pandemie auch rein. Die Aufnahmen fanden zwischen 2019 und 2021 statt. Das meiste, so Molko, sei jedoch bereits fertig gewesen, bevor Corona Anfang 2020 zuschlug: „Wir hatten viel vor, und dann passierte das, was passiert ist, also verzögert sich jetzt alles um etwa zwei Jahre. Ich weiß, dass es für die Fans frustrierend war. Es war sicherlich auch für uns sehr frustrierend, die unendliche Wartezeit auf neue Musik, aber zumindest war sie da. Wir wussten, dass wir sie haben“, so der Sänger. Und jetzt ist das Album seit 25. März veröffentlicht und ist im Vergleich zu den letzten Sachen doch wieder „mutiger, kantiger und kunstvoller“, wie in einer Kritik zu lesen war. Absolut zutreffend, denn es liefert – bei allen neuen Ansätzen – wieder genau das, womit diese Band nun schon seit einem Vierteljahrhundert die Arenen füllt: hymnische Melodien und Identifikationsangebote in emotionalen Extremsituationen. (So) P.Ro *****

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