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Legacy: A Tribute to Leslie West

Various Artists

Jeder Track auf diesem Tribute-Sampler für sich ist ein Volltreffer, aber zusammengenommen sind die zwölf Stücke auf „Legacy: A Tribute to Leslie West“ ein atemberaubendes und von Herzen kommendes Zeugnis des Einflusses, den dieser Gitarrist auf Musiker aller Couleur hatte!

Als Leslie West im Dezember 2020 verstarb, hinterließ er ein gewaltiges Erbe an epischen Aufnahmen, von denen andere Rockgitarristen nur träumen können. Aber West hatte mehr zu bieten als großartige Songs – da war sein brillanter, eigenwilliger Sound, der Arenen und Stadien auf der ganzen Welt zum Beben brachte. Aber es war nicht nur sein Ton, sondern auch sein gefühlvolles Spiel. Scharfe aber auch sinnliche Melodien sprangen ihm aus den Fingerspitzen – mit einer geschickten Bewegung seines Handgelenks klang er, als hätte ein Delta-Blueser eine Geige in die Hand genommen. Diese und weitere Elemente trugen dazu bei, West zu einem der bedeutendsten und einflussreichsten Gitarristen der Rockära zu machen.

„Es gab niemanden auf der Welt, der so war wie Leslie“, sagt die Witwe des Gitarristen, Jenni West. „In der Sekunde, in der man ihn spielen hörte, wusste man, dass er es war. Er liebte es, Gitarre zu spielen und Musik zu machen. Er lebte dafür, den Menschen ein gutes Gefühl zu geben – das war seine Leidenschaft. West hatte Fans auf der ganzen Welt, und Bewunderer in der weltweiten Musikszene. Ob Country-Stars, Rapper oder Heavy-Metal-Musiker – sie alle liebten Leslie. Er fand das überraschend, aber ich glaube, es hat ihn auch gefreut, zu wissen, wie sehr er andere Musiker inspiriert hat.“ Bob Ringe, Wests langjähriger Manager, stimmt dem zu: „Ich habe mit einigen der größten Gitarristen der Welt zusammengearbeitet, aber niemand konnte Leslie das Wasser reichen. Er war so einzigartig und besonders – sein Sound, sein Stil, seine Kraft und Wärme. Jeder Gitarrist, mit dem ich spreche, ist in irgendeiner Weise von ihm beeinflusst worden. Er war einzigartig.“ Einige von Wests Bewunderern – die zufällig auch Freunde und Kollegen waren – fanden sich deshalb zusammen, um den bahnbrechenden Musiker mit diesem Legacy Album zu feiern. Die Hommage wurde von Jenni West, Bob Ringe und John Lappen produziert, und enthält Aufnahmen von Slash, Zakk Wylde, Dee Snider, Bachman & Bachman, Martin Barre, Joe Lynn Turner, Charlie Starr, Elliot Easton, Robbie Krieger, Mike Portnoy, Eddie Ojeda, George Lynch, Marty Friedman, Steve Morse und Yngwie Malmsteen, um nur einige zu nennen. Ursprünglich sollte das Album eine Retrospektive von Wests Musik werden, auf der der Gitarrist selbst einige seiner beliebtesten Stücke mit namhaften Gästen vortragen würde. Nur zwei Wochen vor Beginn der Aufnahmen verstarb der Gitarrist plötzlich. Während Jenni den Verlust ihres Mannes betrauerte, wurde sie durch den ständigen Strom von Anrufen berühmter Musiker getröstet, die ihr Beileid bekundeten und immer wieder das Gleiche sagten: „Wenn ihr Leslie in irgendeiner Form Tribut zollt, lasst es mich bitte wissen.“

Wests langjährige Rhythmusgruppe, bestehend aus dem Rev Jones (Bass) und Bobby Rondinelli (Schlagzeug), legte eine brillante Basis für die Gastmusiker, die ihre Talente einbringen konnten. Eine Ausnahme bildet die Version des Mountain Klassikers von 1970 „Theme for an Imaginary Western“, bei der der ehemalige Dream Theater-Virtuose Mike Portnoy am Schlagzeug sitzt und der legendäre Quiet Riot/Ozzy Osbourne-Bassist Rudy Sarzo den Bass spielt. Außerdem liefern zwei ehemalige Twisted Sister Mitglieder – Sänger Dee Snider und Gitarrist Eddie Ojeda – eine großartige Darbietung ab. „Leslie war ein Held, ein Freund, ein toller Kerl und ein Gitarrengott“, sagt Snider. „Ich wollte diesen Song immer singen. Es ist mein Lieblingsgitarrensolo von Leslie West. Es geht mir sehr nahe und spricht mich auf so vielen Ebenen an. Ich fühle mich geehrt, dass ich die Chance bekommen habe, es auf dieser Platte zu singen.“ Wests berühmtester Song ist zweifelsohne „Mississippi Queen“, und wer könnte ein solches historisches Klangungetüm besser in Angriff nehmen als Slash von Guns N‘ Roses? An der Seite des Rock and Roll Hall of Famer ist Sänger Marc LeBelle zu hören, der derzeit als Frontmann der Band Dirty Honey für Furore sorgt. „Sie machen einen phänomenalen Job auf dem Track“, sagt Jenni West. „Ich bin so daran gewöhnt, Leslie den Song singen und spielen zu hören, aber Slash und Marc haben mich einfach umgehauen. Es ist authentisch, respektvoll und kraftvoll. Irgendwo da oben schaut Leslie herunter und lächelt.“ Der ehemalige Deep Purple- und Rainbow-Sänger Joe Lynn Turner zieht nicht nur den Hut vor West, sondern auch vor dem verstorbenen Mountain-Co-Sänger Felix Pappalardi, und zwar gleich bei zwei Stücken: Bei einer herausragenden Version von „Nantucket Sleighride“, dem bluesigen, proggigen Titeltrack von Mountain’s zweitem Album aus dem Jahr 1971, wird er von dem internationalen Gitarrenstar Marty Friedman unterstützt; und bei einer eindringlichen Version des psychedelischen Rockers „For Yasgur’s Farm“ (von Climbing!) arbeitet er mit dem Gitarristen Martin Barre zusammen, der vor allem als langjähriger Leadgitarrist von Jethro Tull bekannt ist. „Es war mir eine Ehre, diese Hommage an Leslie zu machen“, sagt Turner, „ich werde nie vergessen, Mountain im Fillmore East live gesehen zu habe.“ 1969 verließ West seine Band The Vagrants und begann eine Solokarriere, doch sein Album Mountain entpuppte sich als das inoffizielle Debüt des gleichnamigen Power-Trios. Von dieser Platte wählte Zakk Wylde den Tour-de-Force-Track „Blood of the Sun“ aus, und wie West selbst ist er an der Gitarre und Gesang beeindruckend. „Es ist fast so, als würde Zakk Leslie kanalisieren“, staunt Bob Ringe. „Wenn es darum geht, zu singen und zu spielen, gibt es nur wenige, die an Leslies Kraft und Leidenschaft heranreichen, aber Zakk ist genau dort. Er ist schlichtweg sensationell.“
In seinem späteren Leben freundete sich West mit Charlie Starr an, dem Sänger und Gitarristen der Band Blackberry Smoke. Starr bewunderte West und wählte das gefühlvolle Juwel „Silver Paper“ (von Climbing!) als Erinnerung an seinen verstorbenen Freund. Mit der muskulösen Rhythmusgruppe von Rev Jones und Bobby Rondinelli sowie dem bravourösen Keyboardspiel von Mike DiMeo konzentriert sich Starr auf das freudige spirituelle Zentrum des Songs und lässt ihn nicht mehr los. „Ich liebe ‚Silver Paper‘, und es hat eines der coolsten Gitarrenlicks aller Zeiten“, sagt Starr. „Leslie hat genau das gespielt, was der Song brauchte; sein Timing war tadellos. Ich bin sehr stolz darauf, an diesem Projekt beteiligt zu sein. Gott segne Leslie West.“ Auch die Doors-Legende Robby Krieger kannte West gut – die beiden hatten im Laufe der Jahrzehnte zahlreiche gemeinsame Konzerte gespielt. „Das Coolste an Leslie war die Art und Weise, wie er Blues spielte – es war einfach sehr natürlich“, sagt Krieger. „Er und Clapton waren zu dieser Zeit die Besten. Sie hatten einfach das richtige Gefühl für den Blues. Vielleicht waren sie in ihrem früheren Leben Blueser“. Krieger wählte für seine Hommage einen tiefgründigen Song – den mitreißenden „The Doctor“ vom 1972er Album Why Dontcha von Wests Power-Trio-Supergroup West, Bruce und Laing (mit Jack Bruce von Cream und Corky Laing von Mountain). Sänger Ronnie Romero, der im Dienste von Band wie Lords Of Black, Rainbow und der Michael Schenker Group steht, steuerte den Gesang bei.
Je weiter das Album voranschreitet, kommen mehr Song Perlen zum Vorschein. Das Vater-Sohn-Duo Bachman & Bachman verbindet die Songs der Leslie West Band aus dem Jahre 1976, „Money“ und „By the River“ miteinander. Cars-Gitarrist Elliot Easton spielte zusammen mit Sänger Ronnie Romero eine spritzige und verspielte Version von „Sittin‘ on a Rainbow“ (von Climbing!) – Eastons flüssiger Stil passt perfekt zu Wests Country-Solo. Climbing! wird noch einmal mit „Never in My Life“ aufgegriffen, bei dem Dee Snider erneut den Gesang übernimmt und der ehemalige Dokken Gitarrist George Lynch an den Seiten zu hören ist. Steve Morse (Deep Purple) versucht sich gemeinsam mit Ronny Romero an. Und der Dixie Dregs/Deep Purple-Gitarrengott Steve Morse (zusammen mit einer Rückkehr von Ronnie Romero) begibt sich an die äußersten Grenzen und liefern mit „Why Dontcha“ ihre feurig, spacige Version, des West, Bruce And Laing Titels ab. „Leslie konnte eine einfache Phrase mit zwei oder drei Noten nehmen und sie mit dieser unnachgiebigen Entschlossenheit verkaufen“, sagt Morse, der viele Bühnen mit West geteilt hat. „Was konnte man an ihm nicht mögen? Er wusste, was zu tun war. Allein die Phrasierung der Soli und die Hingabe und der Ton.“ „Long Red“ ist einer der faszinierendsten Songs in Wests Karriere. Erstmals auf dem 1969er Soloalbum des Gitarristen zu hören, war er auch ein Höhepunkt des 1972er Mountain-Albums „Live: The Road Goes Ever On“. Hier greift die internationale Gitarren-Ikone Yngwie Malmsteen die bluesigen Aspekte des Songs auf und fügt seinen eigenen, unnachahmlichen Shred-Stil hinzu. Teddy Rondinelli übernahm den Gesang und Bassisten Rev Jones und Schlagzeuger Bobby Rondinelli lieferten hier erneut die Basis. „Ich denke, Leslies Spiel war extrem auf den Punkt gebracht“, sagt Malmsteen. „Er hatte einen so ausgeprägten Sound und Stil. Er hat viele Leute beeinflusst, und ich denke, er war großartig. Ein Hoch auf Leslie!“

Jeder Track auf diesem Tribute-Sampler für sich ist ein Volltreffer, aber zusammengenommen sind die zwölf Stücke auf „Legacy: A Tribute to Leslie West“ ein atemberaubendes und von Herzen kommendes Zeugnis des Einflusses, den dieser Gitarrist auf Musiker aller Couleur hatte, und als solches ist es sowohl für langjährige Fans als auch für Neueinsteiger ein Muss. (Provogue Records) P.Ro

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