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Gespräch mit Andreas Dresen und Laila Stieler über „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“

Der Film kommt am 28. April in die Kinos

Die NDR Koproduktion hat gleich zwei Bären bei der Berlinale gewonnen: Laila Stieler wurde für das beste Drehbuch ausgezeichnet, der Preis für die beste schauspielerische Leistung ging an Meltem Kaptan. Hier ein Gespräch mit der Drehbuchautorin und dem Regisseur über ihren Film.

RABIYE KURNAZ GEGEN GEORGE W. BUSH ist die siebte gemeinsame Arbeit von Andreas Dresen (Regie) und Laila Stieler (Drehbuch). Ein Film über Recht und Willkür. Ein Film über Menschen, die über sich hinauswachsen. Mit überwältigender Präsenz und erdigem Alltagswitz gibt Meltem Kaptan als Rabiye Kurnaz ihr Kinodebüt. Alexander Scheer spielt mit geduldiger Zurückhaltung den Menschenrechtsanwalt Bernhard Docke. In weiteren Rollen agieren Charly Hübner, Nazmi Kirik und Sevda Polat. RABIYE KURNAZ GEGEN GEORGE W. BUSH feierte Weltpremiere im Wettbewerb der 72. Internationalen Filmfestspiele Berlin 2022 und kommt am 28. April in die Kinos. Die NDR Koproduktion hat gleich zwei Bären bei der Berlinale gewonnen: Laila Stieler wurde für das beste Drehbuch ausgezeichnet, der Preis für die beste schauspielerische Leistung ging an Meltem Kaptan. Hier ein Gespräch mit der Drehbuchautorin und dem Regisseur über ihren Film.

Wie möchten Sie die Menschen nach diesem Film zurücklassen?

Laila Stieler: Gestärkt.

Andreas Dresen: Mit produktivem Zorn.

Wird man eigentlich von einem solchen Stoff gefunden oder sucht man ihn sich?

Andreas Dresen: Für mich begann die Reise damit, dass mir der damalige Produzent Christian Granderath 2008 das Buch von Murat Kurnaz in die Hand drückte. Ich habe „Fünf Jahre meines Lebens“ gleich gelesen und es hat mich extrem aufgewühlt. Das Buch zielte direkt auf mein Unrechtsempfinden. Auch Zorn kam hoch, den ich gar nicht so recht kanalisieren konnte. Es war einfach unfassbar für mich, dass so etwas in unserer Zeit möglich und geschehen ist. Ich bin dann nach Bremen gefahren und habe Murat getroffen. Er hat mir in langen Gesprächen seine Geschichte erzählt. Es war extrem beeindruckend, wie er mit großer Milde und völlig ohne Rachegefühle über diese Jahre in Guantanamo gesprochen hat. Der ursprüngliche Plan war also, Murats Geschichte zu erzählen, diese fast kafkaeske Situation, in der er sich in Gefangenschaft befunden hat, völlig ohne Perspektive, meist ohne soziale Kommunikation. Aber, um ehrlich zu sein, ich habe es nicht hinbekommen. Filmisch fehlten die gängigen dramaturgischen Hoffnungsschimmer klassischer Gefängnisdramen. Alle Entwürfe verloren sich in trostloser Ausweglosigkeit.

Bis zum Perspektivwechsel. Sie begegneten Murats Mutter Rabiye und ihrem Anwalt Bernhard Docke …

Andreas Dresen: Ja! Plötzlich war da dieses Paar. In Bremen traf ich bei einem Abendessen Rabiye, diese wunderbare Frau mit ihrer großen Kraft, dem Lebensmut und ihrem sehr speziellen Humor. Bernhard Docke wiederum kannte ich schon von den Begegnungen mit Murat. Gleich auf der Rückfahrt im Zug entstand die Idee, die Geschichte vielleicht besser aus der Perspektive der beiden erzählen zu können.

Laila Stieler war da aber noch nicht involviert?

Andreas Dresen: Nein, wir beide steckten mitten in unserer Arbeit für GUNDERMANN fest. Ich wollte Laila nicht noch ein zweites schwieriges Projekt überhelfen. Bei einem unserer langen Krisengespräche …

… einem Ihrer Spaziergänge in der Uckermark.

Andreas Dresen: Genau, dort erzählte ich Laila auch von der Kurnaz-Geschichte. Völlig ohne Hintergedanken.

Laila Stieler: Ich hatte schon davon gehört, aber eher beiläufig. Ich weiß nicht, ob ich hätte einsteigen wollen, wenn es wirklich ein Film über Murats Zeit in Guantanamo geworden wäre. Von dieser speziellen Hoffnungslosigkeit zu erzählen, die er dort erlebt hat, liegt mir als Autorin wohl eher nicht. Die neue Perspektive aber fand ich genial und ich war fast ein wenig beleidigt, nicht gefragt worden zu sein (lacht) …

Andreas Dresen: Zugegeben, die Idee war verführerisch. Aber ich wusste keinesfalls, ob sie wirklich funktionieren würde. Erst nach Lailas 20-seitigem Exposé wurde es mir klar und auch, dass nur sie das Drehbuch schreiben kann und muss.

Gehen wir hinein in Ihre gemeinsame Arbeit am Stoff und beginnen mit Rabiye Kurnaz.

Laila Stieler: Schon die erste Begegnung mit Rabiye war Liebe auf den ersten Blick. Sie ist nicht nur eine tolle Person, sondern ein Geschenk für mich als Autorin. Angeregt von ihrer Erscheinung entstand auch die Idee, den politischen Hintergrund ihrer Geschichte mit komödiantischen Mitteln zu verbinden. Zudem kam mein Sohn damals gerade in die Pubertät, ich bin als Mutter also mehr und mehr in die Perspektive von Rabiye hineingewachsen und konnte mir vorstellen, welche Ängste aufkommen, wenn Kinder beginnen, eigene Wege zu gehen. Dieser universelle Aspekt hat mir von Anbeginn gefallen.

Sie erwähnen die komödiantischen Aspekte der Geschichte. Es waren also keineswegs stilistische Mittel, um die Figur der Mutter zu starken, ihr filmisch zur Seite zu springen?

Laila Stieler: Wir mussten da gar nichts verformen oder einpassen. Rabiye machte es mir leicht, über sie zu schreiben. Bei unserer ersten Begegnung war sie noch gezeichnet von einer schweren Krankheit, fragil, anrührend und ich wusste nicht, ob wir uns je wiedersehen würden. Bei unserer zweiten Verabredung, ein paar Monate später, fuhr sie in einem schnittigen weißen Mercedes-Cabrio am Bahnhof vor und wir sind mit lautem Elektro-Pop durch Bremen gesaust. Und wieder ein paar Monate später waren wir mit einem ihrer Söhne in einer Shisha-Bar und da fragte sie mich, wann denn unser Film nun endlich fertig sei. So ist Rabiye. Sie lässt sich nicht unterkriegen. Sie hat Humor, Kraft und ist auf eine sehr schillernde Weise widersprüchlich. Wenn ich sie für keusch halte, ist sie freizügig. Sie ist schlau, wenn ich sie für naiv halte und wenn ich sie für weltlich halte, plötzlich sehr fromm. Rabiye hat meine Erwartungshaltungen an sie ziemlich oft ausgehoben. „Gott ist dazu da, uns das Leben leicht zu machen, ehrlich. Laila!“, hat sie mir mal gesagt. Was für ein Satz, oder?! Ihre Geschichte auch auf komödiantische Art zu erzählen, war für mich sehr reizvoll, einmal, weil es bei diesem Thema nicht unbedingt nahe liegt, zum anderen, weil es sich mit meiner Einstellung zum Leben und zum Geschichten erzählen trifft.

Zugegeben, es ist beruhigend, dass sich der Humor in RABIYE KURNAZ GEGEN GEORGE W. BUSH aus der echten Rabiye speist. Was konnte, musste, sollte Hauptdarstellerin Meltem Kaptan noch einbringen?

Andreas Dresen: Wir haben sehr lange nach der Hauptdarstellerin für diese so tolle und eigenwillige Frau gesucht. Sie sollte gewisse Kongruenz zur realen Rabiye und natürlich einen deutsch-türkischen Hintergrund haben. Vor allem musste sie es aber schaffen, diesen Film energetisch zu tragen. Eine gewisse Naivität war wichtig, denn das macht die Schönheit und Stärke dieser Figur aus. Rabiye hat Naivität gebraucht, um diesen Kampf überhaupt erst aufzunehmen. Zu viel Reflexion hätte bei ihr wohl eher zu Resignation geführt. Meltem Kaptan, die Standup-Comedienne ist und noch keine Hauptrolle in einem Film gespielt hat, berührte mich schon bei den ersten Probeaufnahmen. Obwohl sie selbst noch keine Kinder hat, möchte man eine wie sie zur Mutter haben. Eine Frau, die die Welt umarmt und nach vorn stürmt. Eine Löwin!

Meltem Kaptan zeigt sich extrem wandelbar, verbindet das Tragische und Lustige oft nur in winzigen Momenten. Ein Geschenk?

Andreas Dresen: Ja! Meltem gehört zu den Verwandlungsschauspielerinnen. Mal ist sie laut und voller Wucht, dann wieder total durchlässig, dass man das offene Herz schlagen sieht. So etwas kann man sich handwerklich nicht erarbeiten, man hat es oder eben nicht. Meltem besitzt zudem ein sehr gutes Gefühl für Timing beim Adaptieren des Textes und der Figur. Im Realen ist sie ganz anders als Rabiye.

Laila Stieler: Ein Beispiel: Für eine Schlüsselszene im Gerichtssaal des Supreme Court habe ich im Drehbuch geschrieben: „Rabiyes Blick streift über die Zuhörer und landet bei Bernhard. Sie betrachtet ihn mit so viel Wärme, dass es fast weh tut.“ Ich musste das so schreiben. Aber wie soll man es inszenieren? Ich habe den Satz dann einfach stehen lassen, so fürs Gefühl und die Temperatur der Szene. Jetzt schaue ich den Film und sehe: Meltem spielt das! Sie spielt es tatsächlich! Diese Wärme, die fast weh tut. In diesem Zusammenhang möchte ich unbedingt unsere Casterin Karen Wendland erwähnen, denn was sie allein für die Besetzung der Rabiye an Schauspielerinnen aufgefahren hat, war enorm.

Rabiye steht mit ihrer Position für die starke Rolle von Muttern im türkischen und arabischen Raum. Murat Kurnaz und auch Mohamedou Ould Slahi in seinem „Guantanamo Tagebuch“ sprechen und schreiben immer wieder vor allem über ihre Mutter, voller Liebe, Respekt und Sehnsucht.

Laila Stieler: Es gibt auch viele Väter, die sich aktiv um ihre Söhne in Guantanamo kümmern. Damals in Washington, als es um die Entscheidung des Supreme Court ging, war Rabiye aber tatsächlich die einzige Frau in der Runde, deshalb bekam sie dort auch diese besondere Rolle zugedacht. Meiner Erfahrung nach hat die Familie im türkischen oder arabischen Raum einen höheren Stellenwert als bei uns, zumindest beobachte ich es im arabischen Zweig meiner eigenen Familie. Man tritt häufiger zusammen, die Bindungen sind enger. Wenn jemand verloren zu gehen droht, kümmert man sich. Wer genau auf welche Art, wird wiederum im Beziehungsgefüge der Familien entschieden. Wenn einer besondere Kraft und Neigung entwickelt, tritt der andere zurück. So ist es wohl überall. In unserem Fall war der Kampf um Murat eben Rabiyes Feld.

Rabiyes ältester Sohn wurde im August 2006 aus Guantanamo entlassen. Brauchte ihre Geschichte vielleicht diesen zeitlichen Abstand, um heute erzählt zu werden?

Laila Stieler: Es hätte zu einem früheren Zeitpunkt sicherlich zusätzliche Hindernisse gegeben. Rabiye war ja über mehrere Jahre hinweg schwer krank. Da wäre es schwieriger gewesen, mit ihr über einen Film zu reden. Mit Sicherheit hätte es auch andere Recherchegespräche gegeben als später. Wir wären sicherlich viel bitterer geworden. Was zwischen 2001 und 2006 passiert ist, hat ja nicht nur Murat und Rabiye, sondern die gesamte Familie Kurnaz traumatisiert. Auch der Vater und Murats Brüder wurden in den Strudel hineingezogen. Sie haben der Belastung am Ende standgehalten, aber sie sind durch tiefe Täler gegangen.

Andreas Dresen: Ich persönlich habe diesen Abstand unbedingt gebraucht, um Rabiyes Geschichte positiv zu sehen und zu begreifen, dass genau diese Perspektive für mich die naheliegendere naheliegendere ist. Weil sie von der Kraft der Schwachen erzählt. Wenn wir in den Medien von großen politischen Dingen erfahren, resignieren wir oft, weil wir vermeintlich nicht viel dagegen ausrichten können. Und plötzlich geht es eben doch! Die Welt, so monolithisch sie auch erscheinen mag, ist veränderbar! Eine türkische Hausfrau aus Deutschland kann Steine zum Tanzen bringen. Sie kann von Bremen aus gegen den US-Präsidenten losziehen und gewinnen. Das in einem Film zu erzählen, fand ich bestechend. Weil es so ermutigend ist und trotzdem viele Fragen lostritt.

Welche ist für Sie die wichtigste Frage?

Andreas Dresen: Warum darf in unserer Demokratie passieren, was Murat Kurnaz und all den anderen Menschen passiert ist, die zu Unrecht in Guantanamo einsaßen und bis heute einsitzen?

War es schwierig, Anwalt Bernhard Docke als Charakter in den Film zu bringen und ihn dort neben diesem Energiebündel Rabiye Kurnaz zu halten?

Andreas Dresen: Bernhard Docke sollte unbedingt zur gleichwertigen zweiten Hauptfigur werden. Für den Ton des Films kam uns sehr entgegen, dass auch Bernhard über einen sehr besonderen, subversiven, ziemlich trockenen Humor verfügt, der mir als in Norddeutschland Aufgewachsenem sehr nahe ist. Wenn man ihn in seinem Büro sieht mit den Aktenbergen, die allein den Fall Kurnaz betreffen, bekommt man eine ungefähre Ahnung von dem, was er über all die Jahre geleistet hat. Für den Film ist er der intellektuelle Motor, weil er es ja auch für das juristische Verfahren gewesen ist. Bei Rabiye und Bernhard ergänzen sich Herz und Verstand auf geradezu wunderbare Weise. Sie setzen unterschiedliche Prämissen, der eine ist kontrolliert, die andere impulsgesteuert. Es ist unfassbar schön, sie miteinander zu erleben, zu begreifen, wie diese zwei so verschiedenen Menschen über Jahre hinweg aneinander gewachsen sind, sich gerieben, Vertrauen gefasst und im freundschaftlichen Sinne gebraucht haben. Über dieses Paar zu erzählen, das auf sehr eigene Weise so viel Liebe füreinander hat, besitzt eine Riesenportion Charme. Es ist der Herzschlag dieser Geschichte.

Laila Stieler: Bernhard Docke hat es mir nicht ganz so leicht gemacht wie Rabiye, so zurückhaltend, abwartend, skeptisch wie er ist. Er hat mich in meiner akribischen Recherche immer wieder geprüft und mir all diese unbehaglichen Fragen gestellt: Warum wollt ihr diesen Film machen? Welche Zuschauer wollt ihr erreichen? Ob ihn meine Antworten zufriedenstellten hat er nicht erkennen lassen. Aber immerhin hat er mir die juristischen Hintergründe des Falls, die ja gar nicht so leicht zu erfassen sind, ein ums andere Mal geduldig erklärt. Wie kämpft man einen Menschen frei, der im Niemandsland gefangen gehalten wird, wo juristische Mittel gar nicht greifen? In der Figurenkonstellation zwischen Bernhard und Rabiye hatte ich die schöne Möglichkeit, Rabiye all die Fragen stellen zu lassen, die ich mir gestellt habe und die den Zuschauer womöglich auch bewegen, ohne lange, erklärende Monologe schreiben zu müssen. Dass Rabiye nachhakt oder etwas auf eine sehr eigene Art und Weise versteht und Bernhard geduldig antwortet und korrigiert, ist halt Teil ihres steten Geplänkels. Aber auch Bernhard hat ja sehr emotionale Momente, wenn es um Rabiyes Leid und die Schachzüge der deutschen Regierung geht, da fährt er geradezu aus der Haut. Und weil er unsere grundsätzlich solidarische Haltung gespürt hat, hat er im Laufe der Zeit, glaube ich, großes Vertrauen zu uns allen gewonnen und war zuvorkommend, verständnisvoll und äußerst hilfsbereit.

Starkes Triebmittel fur die Lebendigkeit des Films ist der Sprachmix aus Türkisch, Deutsch und Englisch, manchmal in nur einem Satz. War es von Anbeginn gesetzt?

Laila Stieler: Ja, das war die Absicht, aber die Umsetzung war echt anstrengend.

Andreas Dresen: Es musste sein, weil es der Realität entspricht. Es ist nun mal eine internationale Geschichte und ja, man spricht in vielen türkischen Familien in Deutschland so. Beim Besetzen der Rollen war es eine Herausforderung und beim Drehen eine schräge Erfahrung, denn ich selbst habe ja teilweise überhaupt nicht verstanden, was gesagt wurde. Da half nur ein Sprachcoach. Ich hatte den Ehrgeiz, dass es sprachlich bis hin zu türkischen Dialekten stimmen muss. Auch an der Untertitelung haben wir ziemlich getüftelt.

Laila Stieler: Das Wort „Kellnerinnenstyle“ ist mein persönlicher Favorit. Es stammt von einer Übersetzerin, mit der ich die türkischen und deutsch-türkischen Passagen des Drehbuchs durchgegangen bin. Ich hatte sie gebeten, über typische Sprachkreationen nachzudenken, falls es die gibt. Sie wies mich auch darauf hin, dass die türkische Sprache sehr bildhaft und blumig ist und ständig Kosenamen verwendet werden. Das hatte ich subkutan schon mitbekommen, aber eben noch nicht in den Dialogen umgesetzt. So sind „askım, balım und hayatım“ dazugekommen, also „mein Lieber, mein Süßer, mein Leben“, die oft ans Satzende gehängt werden. Könnten wir uns eigentlich ein Beispiel daran nehmen, oder, ihr Goldstücke?

Und dieses wunderbare „Echt jetzt“, wechselweise als Frage oder Ausruf?

Andreas Dresen: Das stammt von Rabiye. Sie sagt in jedem zweiten Satz auch: „Gefellt mir!“ (sic)

Nun ist RABIYE KURNAZ GEGEN GEORGE W. BUSH beileibe kein Opferfilm, obwohl die Familie natürlich Opfer gewesen ist. Ein wichtiger Aspekt aber dringt durch: Der politische und gesellschaftliche Umgang mit Opfern ist zumeist unverständlich defensiv, manchmal anmasend, oft regelrecht beschämend. Ganz gleich, ob es um Missbrauch, Verfolgung oder Terror geht. Warum, Ihrer persönlichen Meinung nach, ist es so?

Andreas Dresen: Ich glaube, es ist in besonderem Maße so, wenn eine Gesellschaft, die sich zu Opfern verhalten muss, Mitschuld trifft. Das System Guantanamo, das nach 20 Jahren immer noch existiert, ist per se Unrecht. Es ist unfassbar! Im Fall Kurnaz hat die Demokratie auf breiter Front versagt, nicht nur in den USA, sondern deutlich auch in Deutschland und in der Türkei. Murat Kurnaz ist fünf Jahre lang in einem Dreiländereck gefangen gewesen, in einem Geflecht ständig hin- und hergeschobener Verantwortungen. Wie ignorant sich die deutschen Regierungen gegenüber Murat Kurnaz und seiner Familie verhalten haben und verhalten, wie sie sich einer Entschuldigung, geschweige denn Entschädigung verweigern, erregt meinen Zorn. Keiner will Verantwortung übernehmen. Ich kann vieles nachvollziehen, es waren komplizierte Zeiten damals nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Der Druck auf die Politik war enorm, einige voreilige und falsche Entscheidungen resultierten daraus. Das sei Politikern zugestanden. Was ihnen nicht zugestanden werden sollte, finde ich, ist, dass sie mit besserem Wissen und nach späteren Erkenntnissen nicht korrigieren, was zu korrigieren wäre.

Laila Stieler: Niemand nimmt gern die Perspektive von Opfern ein. Das hieße ja, sich mit deren Ohnmacht zu identifizieren. Umso wichtiger finde ich, es offen zu gestalten, diese Position, diesen Status zu benennen. Die Presse als vierte Gewalt spielt hier eine ambivalente Rolle. Zum Teil macht sie Menschen zu Opfern. Wie schnell werden Vorurteile gefällt! Hier war es der „Bremer Taliban“, im NSU-Fall waren es die „Döner-Morde“. Auf der anderen Seite wäre es Bernhard Docke ohne Presse nicht gelungen, so viel Öffentlichkeit für Murat Kurnaz zu mobilisieren. Ich habe mich während der Drehbucharbeit oft gefragt, was ich eigentlich dachte, als ich das erste Mal von ihm hörte. War ich sofort empört über das, was mit ihm geschah? Oder hab‘ ich zunächst an seiner Unschuld gezweifelt? Es ist nicht angenehm aber sehr lehrreich, sich bei der eigenen Voreingenommenheit zu ertappen. Vielleicht geht es ja nicht nur mir so.

Andreas Dresen, Sie sind selbst Verfassungsrichter in Brandenburg. Haben Sie sich auch durch die intensive Beschäftigung mit dem Fall Kurnaz noch einmal anders mit Recht und Rechtsprechung auseinandergesetzt?

Andreas Dresen: Ich finde, dass der Supreme Court in den Vereinigten Staaten eine wirklich gute Figur gemacht hat. Das ist einer der optimistischen Aspekte an dieser Geschichte: Rechtsstaatlichkeit bleibt Rechtsstaatlichkeit und kann nicht ohne Weiteres ausgehebelt werden. Gewaltenteilung entfaltet also durchaus ihre Wirkung. Ob sie am Ende immer durchgreifen und sich den Finten der Politik entziehen kann, ist eine andere Sache. Meine Arbeit am Gericht läuft freilich auf einem völlig anderen Level, aber auch hier erlebe ich, dass Politiker eben nicht machen können, was sie wollen. Da ist immer eine Instanz, die prüft, ob politisches Handeln auf dem Boden der Verfassung steht. Ich finde das sehr tröstlich.

Das Interview wurde vom Pandora Film Verleih zur Verfügung gestellt.

Fotos: Pandora Film Verleih.

 

 

 

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