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Modern Lovers

Modern Lovers

From the vaults - März 2022
In der Reihe „from the vaults“ wird im März das Debutalbum von Jonathan Richman und seinen Modern Lovers aus der Versenkung geholt, das vor 46 Jahren veröffentlicht wurde. Denn dieser Sound ist heute noch genauso roh und aufregend wie damals bei der Aufnahme. Wer wissen will, wie vor gut 50 Jahren Punk ‚made in USA‘ klang, wird hier bestens bedient!

1971 gründete der Singer/Songwriter Jonathan Richman die Modern Lovers mit 20 Jahren. Und diese New Yorker Combo gilt bis heute als die Proto-Punk-Band der 70er, mit denen Richman eine Brücke von den Velvet Underground zu den New York Dolls schlug. Zu den weiteren Mitgliedern der Gruppe gehörten Jerry Harrison (Keyboards, später Talking Heads), David Robinson (Drums, später The Cars) und Ernie Brooks (Bass).

Ihr Debutalbum erschien 1976 auf Beserkley Records und bestand aus sechs Aufnahmen, die die Band zwischen 1971 und 1972 unter der Regie von John Cale eingespielt hatte, dazu kamen noch drei weitere Songs. Dieser Longplayer fängt eine angstbesetzte, jugendliche Streberhaftigkeit ein, die sich mit einem reduzierten, minimalistischen Rock’n’Roll verbindet, der vom Art-Punk der Velvet Underground abgeleitet ist. Auch wenn der Sound dem ursprünglichen Drei-Akkord-Stampfen der frühen Velvet Underground geschuldet ist, ist die Haltung von den Modern Lovers meilenweit von Lou Reeds verbitterten urbanen Albträumen entfernt. Wie er in der klassischen Zwei-Akkord-Hymne “Roadrunner” sagt, ist Richman verliebt in die moderne Welt und den Rock & Roll. Im Herzen ist er immer noch ein Teenager, was bedeutet, dass er nicht nur in Mädchen verliebt ist, die er nicht haben kann, sondern auch in Radios, Vorstädte und Fast Food, und es bedeutet auch, dass er Witze reißt wie “Pablo Picasso wurde nie ein Arschloch genannt…nicht so wie du”. “Pablo Picasso” ist der klassische Spott, aber “She Cracked” und “I’m Straight” sind genauso fies und werden durch den amateurhaften, minimalistischen Drive der Modern Lovers noch kantiger. Doch hinter seinem pubertären Gehabe zeigt Richman auch nackte Emotionen, wenn er in “Someone I Care About” und “Girl Friend” um eine Geliebte fleht oder in “Dignified and Old” von der Zukunft schwärmt. Diese Kombination aus musikalischer Einfachheit, treibendem Rock und unbeholfenen emotionalen Bekenntnissen macht das Debut der Modern Lovers zu einer der verblüffendsten Proto-Punk-Platten – sie entkleidet den Rock’n’Roll bis auf seinen Kern und begründet die Rocktradition des kauzigen, unbeholfenen sozialen Außenseiters, der seinen Frustrationen Luft macht.

Interessant ist besonders die Geschichte der Entstehung dieses Albums. Ende 1971 machte die Band in den Intermedia-Studios in Boston ihre ersten Aufnahmen für Warner Brothers, darunter die Version von “Hospital”, die später auf dem Album zu hören sein sollte. Im April 1972 reisten die Modern Lovers nach Los Angeles, wo sie zwei Demosessions abhielten; die erste wurde für Warner Brothers von John Cale produziert, während die zweite für A&M produziert wurde. Beide Sessions ergaben Tracks, die, obwohl ursprünglich als Demos aufgenommen, schließlich ihren Weg auf das Album fanden. Bei den Cale-Sessions entstanden “Roadrunner”, “Astral Plane”, “Old World”, “Pablo Picasso”, “She Cracked” und “Someone I Care About”. Die A&M-Sessions brachten “Girl Friend”, “Modern World” und “Dignified and Old” hervor (das zwar nicht auf der Original-LP, aber auf späteren CD-Neuauflagen enthalten war. Die Band war jedoch zunächst unentschlossen, bei welcher Plattenfirma sie unterschreiben sollte, kehrte nach Boston zurück und machte noch einige Aufnahmen, die von Kim Fowley organisiert wurden. Anfang 1973 unterschrieben sie schließlich bei Warner Brothers und vereinbarten, dass John Cale ihr Debütalbum produzieren sollte. In der Zwischenzeit kam es zu Differenzen zwischen den Bandmitgliedern, Richman wollte einen anderen Ansatz für seine Songs verfolgte – viel sanfter und ruhiger als der frühere aggressive Rock. Aufgrund dieser Situation zog Warner Brothers die Unterstützung für die Band zurück, und Anfang 1974 lösten sich die Modern Lovers auf ohne Albumveröffentlichung. Ende 1974 unterschrieb Richman als Solokünstler bei Beserkley Records und nahm einige Titel mit Unterstützung der Bands Earth Quake und The Rubinoos auf, darunter neue Versionen von “Roadrunner” und “Government Center”. Diese Titel wurden zunächst als Singles und dann 1975 auf dem Album Beserkley Chartbusters Vol.1 veröffentlicht. Zugleich stellte Label-BossKaufman jedoch auch das Album The Modern Lovers aus neu abgemischten Versionen der vier oder mehr Jahre zuvor für Warner Brothers und A&M aufgenommenen Titel zusammen und veröffentlichte es im August 1976 als das Debut der Modern Lovers.

In dieser Zeit begann Richman mit einer neuen Besetzung der Modern Lovers mit den Aufnahmen zu dem, was er später als sein Debütalbum „Jonathan Richman and the Modern Lovers“ bezeichnete. Stilistisch klang das jetzt anders, wie der Riesenerfolg von ‘Egyptian Reggae’ zeigte, das war deutlich eine andere musikalische Gangart. Richman beschritt später in den Achtzigern eine famose Solo-Karriere, reformierte 1986 noch einmal die Modern Lovers, kehrte aber nach kurzer Zeit auf seine Solo-Pfade zurück, wo er bis heute aktiv ist.

Das Debutalbum der Modern Lovers von 1976 wurde in den nächsten Jahrtzehnten mehrfach wieder veröffentlicht, und enthält immer neben den neun originalen Songs noch zahlreiche Bonustracks. 1986 gab es eine Beserkley-Wiederveröffentlichung, 1989 eine auf Rhino Records, Sanctuary Records veröffentlichten 2003 eine remasterte Version und zuletzt erschien 2007 auf Castle Records eine 17-Track-Version des Albums. Vom US-Magazin Rolling Stone wird dieser Longplayer mit Rang 282 unter den „500 bedeutendsten Alben aller Zeiten“ gewertet. Außerdem wurde dieses Album in Robert Dimerys „1001 Albums You Must Hear Before You Die“ übernommen. Die Modern Lovers beeinflussten mit ihrem Debut unzählige aufstrebende Punkrock-Musiker auf beiden Seiten des Atlantik, unter anderem die Sex Pistols, deren frühes Cover von „Roadrunner“ auf „The Great Rock ‘ n’ Roll Swindle“ erschien. Noch wichtiger ist, dass diese Musik, dieser Sound heute noch genauso roh und aufregend ist wie bei der Aufnahme Anfang der 70er oder bei der verspäteten Veröffentlichung 1976. Wer wissen will, wie vor fast 50 Jahren Punk ‚made in USA‘ klang, wird hier bestens bedient! (Beserkley Records)

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