altemaelze

Feierabend

Liederbayern Duo

Sound-Report: Platten aus der Region
Mit “Sound-Report: Platten aus der Region” gibt’s seit Anfang 2022 auf der er-em-online”-Homepage eine neue Rubrik, die sich Veröffentlichungen aus der Region widmet, die in den letzten Jahrzehnten erschienen sind. Einzige Voraussetzung ist, dass diese Longplayer oder CD’s schon mindestens zehn Jahre alt sind, also für heuer mindestens vor 2012 veröffentlicht wurden. Im März ist das Liederbayern Duo mit “Feierabend” an der Reihe, damals erschienen im Heft 8/1984 bei RM, dem damaligen Regensburger Monatsmagazin.

„Heimatland, guat Nacht!“ – die letzte Strophe im Refrain von „Feierabend“, dem Titelsong der ersten LP des Liederbayern-Duo, schlaglichtert in nostalgisch angehauchter, urwüchsiger Naturverbundenheit. Allerdings wäre Ali Schmdt, einer der beiden Duettanten nicht Ali Schmidt, bliebe er in solch vordergründiger Heimatsehnsucht stecken. Auf die Landflucht von Franz, dem Senner im Gebirg, an die Geld und Freiheit verheißeden Fließbänder der Industrie folgt seine Stadtflucht, als Roboter die Arbeitsplätze besetzen. Bis man sich zu dieser bitter-zynischen Ballade durchgehört hat gibt es schon noch andere Brocken zu verdauen. Am meisten hat mich dabei „I hab nix gseng“ beeindruckt, ein ruhiges Lied voll düsterer Vorahnungen. Menschen, die 1940 keine Viehwagen voller Frauen, Kinder und Männer gesehen haben, die jetzt keine verreckten Fische und abgestorbenen Bäume sehen, die nichts wissen wollen von neuen Raketen, Abschussrampen und den Kriegsvorbereitungen in Labors. Helmut Achtner, der schon mit seiner LP „Alltagslieder“ scheinbare Nebensächlichkeiten liebevoll-kritisch verarbeitet hat, spielt und singt seit vier Jahren mit Ali Schmidt zusammen. Das hat sich positiv ausgewirkt. Achtners Lieder sind heute direkter, unverblümter, die Kritik wird unmißverständlicher geäußert. Pharisäerhafte, kleinbürgerliche Scheinmoral nimmt er in der „Sommerballade von der Betty Bauer“ und „Die Nonne“ aufs spießige Korn. „Zeitbomben“ hört er an allen Ecken ticken, wo Penner, Ausländer und Jugendliche ohne Lehrstelle stehen. Ein wichtiges Thema, das die beiden mehrfach in ihren Songs aufgreifen, sind die Raketen, ist die breite Militarisierung in usnerem und anderen westlichen Ländern. Die Texte sind dabei nicht, trotz der ernsten Inhalte, schwer verdaulich, sondern gewitzt, ironisch und manchmal auch wunderbar frech. Einen kräftigen Biss in die gepflegten Wadl’n der Medizinerschaft ist Schmidts „Das halt ich im Kopf nicht aus“.

Das Liederbayern-Duo geht nicht mit Parolen und Allgemeinplätzen hausieren, hinter den Liedern verbergen sich Schicksale, bittere Auswirkungen unserer hochglanzpolierten, computergesteuerten technisch perfektionierten Wohlstandgesellschaft. Sozialmüll, der das reibungslose Getriebe stört, Schwächlinge, die nicht mehr mithalten. Kritik an gedankenlosem Verhalten gegenüber dem Fetisch Wirtschaftswachstum. Keine neuen oder besonders originellen Themen also, dafür aber Themen, die an uns rankommen. Bewußtsein in kleinen Schritten schaffen. Ansetzen, wo wir selbst etwas tun können. Dazu in melodiöser, eingängiger Verpackung (die Musik könnte manchmal mehr zur Persiflage benutzt werden). Die beiden Sänger spielen verschiedene Instrumente auf dieser Platte (live: Gitarren und Mundharmonika) und werden noch von befreundeten Musikern begleitet. Ein rundes Produkt, das man sich ruhig öfter zu Ohr nehmen sollte, auch wenn‘ gelegentlich im Magen liegt. (mikele) Selbstverlag/Eigenvertrieb)

 

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