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Im Ostentorkino war die grandiose Masha Qrella am 18. Februar zu Gast.

Masha Qrella genoss es, mit ihrer Band wieder auf der Bühne zu stehen.

Dichterwort wird zu Ohrwurm und Tanz: Sie präsentierte ihre Musik gewordene Thomas Brasch-Lyriksammlung.

Vergangenheit, das haben wir in Deutschland ganz besonders intensiv erfahren, vergeht nicht einfach so. Unbewältigt droht sie sich zu wiederholen. Und mitunter als Farce zurückzukehren. Auch an diesem Freitagabend, an dem Masha Qrella im Ostentorkino mit ihrem Thomas Brasch gewidmeten „Woanders“-Programm gastierte, konnte die Sprengwirkung der Historie live am Newsticker verfolgt werden: Der Sturm war da – und von unmittelbarer Kriegsgefahr war die Rede. Masha Qrella aber winkt ab, will man sie auf diese Gegenwart ansprechen. Sie meint nur lapidar, dass das nun wirklich den Rahmen des Gesprächs über ihre künstlerischen Absichten sprengen würde.

Lieber will sie sich auf die Bedeutung konzentrieren, die Thomas Brasch, der Dichter, der im Osten wie im Westen nicht zu Hause war, für sie erlangt hat. Nachdem sie seine Lyrik entdeckt hatte (die Lektüre des Familienromans „Ab jetzt ist Ruhe“ von Schwester Marion Brasch war dafür ausschlaggebend), hat sie zunächst ein Bühnenprogramm und ein Hörspiel für den Deutschlandfunk entwickelt. Der rebellierende Funktionärssohn, der gegen den Einmarsch der Sowjets in der Tschechoslowakei mit Flugblättern protestierte, verstand es, mit seiner Attitüde der Verweigerung das Herz der Enkelin eines stalinistischen Kulturfunktionärs zu erobern. Mit seinen Gedichten verlieh er ihrem namenlosen Empfinden Worte, für das, was sie, als 1975 geborene Ostberlinerin, angesichts der Wiedervereinigung sprachlos machte. Thomas Brasch ist für sie der „David Bowie der deutschen Lyrik“.

Man darf ihr Album „Woanders“, das letztes Jahr beim Berliner Staatsakt-Label erschienen ist, ohne Übertreibung als großen Wurf bezeichnen. Denn der Mittvierzigerin, die auf der Ostentorbühne mit ihren beiden bestens aufgelegten Kollegen Andreas Bonkowski (Keyboards) und Robert Kretzschmar (Drums) nicht nur als Gitarre spielende Sängerin, sondern vor allem als gewiefte Bassistin überzeugt, gelingt es, Worte zu verflüssigen und diese tanzbar zu machen. Und der Brasch’schen Metaphorik, die nichts Weinerliches, aber viel Melancholie in sich trägt, und angesiedelt ist, in der Interzone des Bedauerns über die Faktizität des Hier und Jetzt, jenen Kern abzugewinnen, so dass die DNA weitergetragen wird, in eine ohrwurmwerdende Zukunft.

In manchen Momenten erinnert Masha Qrella auch an die Rainbirds-Sängerin Katharina Franck. Das liegt nicht nur an der Frisur, das liegt vor allem an der Souveränität, mit der sich ihre Musik bewegt, zwischen ausgefeiltem instrumentalen Handwerk und elektronischer Finesse. „Ich kann nicht tanzen!“ – heißt es, in einem, die Textbotschaft so grandios konterkarierenden rhythmusbetonten Song: „Ich warte nur in einem Saal aus Stille. Hier treiben Geister ihren Tanz gegen die Uhr. Und ich warte nur!“

Das Publikum im ausverkauften Ostentorkino wiederum hält sich pandemiebedingt an die Botschaft, trägt Maske und verharrt bewegungslos in den Kinosesseln – kann aber für sich reklamieren, einem alle Sinne inspirierenden 80 Minuten-Konzertabend beigewohnt zu haben. Und Masha Qrella? Gastiert tags darauf, trotz wundgespielter Fingerkuppen, am Brecht-Festival in Augsburg!

Begleitend zum Masha Qrella-Aufritt war übrigens am Wochenende „Lieber Thomas“ zu sehen, das dem Dichter Thomas Brasch gewidmete Biopic von Andreas Kleinert. Ein grandioser, mit zweieinhalb Stunden jeden Rahmen sprengender Film, der deutsche Geschichte aus einem überraschenden Winkel zeigt und vorführt. (Peter Geiger)

Wer sich wiederum für Alfred Kurella interessiert, dem sei diese fantastische Detektivarbeit des am Berliner Einsteinforum wirkenden Historikers Dr. Martin Schaad ans Herz gelegt: https://www.youtube.com/watch?v=x1FDkmTT6rk&t=2808s.

Infokasten: Die Künstlerin

Masha Qrella: Sie wurde 1975 im östlichen Teil Berlins als Tochter einer Deutschen und eines Russen geboren. Der DDR-Kulturpolitiker Alfred Kurella war ihr Großvater.

Vita: In den 1990er Jahren spielte sie in Instrumental-Bands, bevor sie ihre Solo-Karriere als Masha Qrella startete. Sang sie zuerst nur Englisch, interpretiert sie mittlerweile Texte von Heiner Müller, Einar Schleef und Thomas Brasch.

Fotos: Peter Geiger