altemaelze

Grandhotel

Marc Amacher

Marc Amacher lotet mit diesem neuen Longplayer auf den elf Tracks die Grenzen des Blues aus.

Wer den Blues laut, erdig, intensiv und gerne auch etwas schräg mag, der liegt bei diesem Sänger, Gitarrist und Songschreiber aus der Schweiz goldrichtig. Zwei Jahre nach seinem letzten Album „Roadhouse“ meldet sich Marc Amacher mit diesem neuen Longplayer zurück und lotet auf den elf Tracks die Grenzen des Blues aus. Aus dem „Roadhouse“ ist er jetzt mit seinen Musikern im „Grandhotel“ angekommen, aber das klingt eher nach einer zwanglosen Rock’n’Roll-Party im Hinterzimmer, wie gleich der Opener „Stay clean“ zeigt, ein Motörhead-Cover. „Grandhotel“ hört sich nicht wie vielleicht erwartet wurde nach Prunk, Luxus oder schicker Abendgarderobe an, sondern nach lautem, ungeschliffenem Blues-Rock. Dazu verweilen die Musiker mit „Ride“ noch ein bisschen in der Hardrock-Ecke (hier ähnelt der Gesang AC/DC zu besten Bon Scott-Zeiten), danach aber schielen sie explizit in Richtung Stoner, angefangen mit dem etwas düsteren, knapp achtminütigen Titel „Devil.“ Hier liefert Amacher mit seinem Gitarrenkollegen Gerber einen ordentlichen Schlagabtausch, während Schlagzeuger Flütsch und Tieftöner Süsstrunk für ein breites Rhythmusfundament sorgen. Auf „STFU“ (ähnlich verzerrt und stoner-mäßig) folgt mit „Berlin“ ein experimenteller Höhepunkt: Hier weht eine abgefahrene Klangwolke vorbei, in der die Geister von Howlin‘ Wolf und Junior Kimbrough herumschweben. Und noch ein zweites Cover gibt’s auf der Scheibe – eine bedrohlich anmutende (und gelungene) Umarbeitung des Depeche Mode-Klassikers „Personal Jesus“. Die restlichen Stücke des Albums sind alle im Blues beheimatet, von den minimalistischen „Judgement Day“ und „Rocket Man Blues“ über das etwas jazzige „My Way“ bis hin zum „Diving Duck“, bei dem Amacher – wie bereits auf „Roadhouse“ – einen altvertrauten Bluessong umstylt und sich so zu eigen macht. „Ich wollte nie der schnellste Gitarrist sein oder derjenige, der ein Stück am besten 1:1 nachspielen kann,“ meint Marc Amacher. „Ich war immer auf der Suche nach Eigenständigkeit.“ Wenn dieses sein tatsächliches Ziel ist, ist er ihm bei seinem Aufenthalt im „Grandhotel“ ein ganzes Stück näher gekommen. Denn der Schweizer Bluessänger und Gitarrist klingt auf dieser neuen Platte ungehobelter, dunkler und archaischer denn je und zeigt sich recht experimentierfreudig. (Jazzhaus) P.Ro

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