altemaelze

Songs of Gastarbeiter Vol.2

Imran Ayata & Bülent Kullukcz

Auf diesem Album finden sich neben alten Aufnahmen aus der Türkei, aus Spanien, aus Griechenland usw. auch neu produzierte Tracks in Kollaboration mit DJ Shantel.

Als der Autor Imran Ayata und der Künstler Bülent Kullukcu vor acht Jahren die Compilation „Songs of Gastarbeiter Vol. 1“ bei Trikont veröffentlichten, ahnte kaum jemand, was die beiden damit auslösen würden. Als AYKU hoben Ayata und Kullukcu musikalische Schätze, die in Deutschland zuvor unbekannt waren. Inzwischen finden die Lieder der Gastarbeiter mehr Beachtung und Nachfrage. So startete 40 Jahre später der Sänger Ata Canani eine zweite Karriere. Er steht wieder auf der Bühne und veröffentlichte jüngst ein Album. Ikonen der Gastarbeitermusik wie Yüksel Özkasap, der wie auch Ata Canani auf der ersten Compilation vertreten ist, werden neu aufgelegt.

Noch immer haben viele von uns Klischees im Kopf, wenn wir uns an diese Einwanderergeneration erinnern. Assoziationen von Männern mit traurig-melancholischen Blicken, die Zigarette rauchend Bahnhofshallen belagern, oder Familien, die für aufsteigenden Grillrauch in Stadtparks sorgen, sind noch immer gängig. Der Antrieb von AYKU bei diesem Projekt besteht darin, Unbekanntes bekannt zu machen, und diese vielfältige Musikkultur zu dokumentieren, damit sie nicht verloren geht. Zudem wollen AYKU mit diesen „Songs of Gastarbeiter“ der ersten Generation ihren Respekt zollen und so einem Versäumnis nachkommen. Denn egal, ob in der Politik, Wirtschaft oder Kultur, alles, was heute als Erfolg von Migrantinnen und Migranten der zweiten oder dritten Generation in Almanya gefeiert wird, hat seinen Ursprung in dieser Generation, so AYKU.

In „Songs of Gastarbeiter Vol. 2“ tragen AYKU eine noch größere musikalische Bandbreite zusammen. Auf dem Album finden sich neben vielen Originalaufnahmen auch dieses Mal neu produzierte Tracks. Dafür schmiedete AYKU eine Kollaboration mit Shantel. Der DJ und Musikproduzent liefert für Songs of Gastarbeiter Vol. 2 einen Re-Edit von Ata Cananis „Alle Menschen dieser Erde“, in dem das Italo-Disko-Keyboard an einen nicht endenden Sommer erinnert. Mit seiner Version des Songs gelingt es Shantel, nicht nur Gastarbeiterlieder im Hier und Jetzt zu präsentieren, sondern deren Potenzial für die Zukunft zu feiern. Außerdem nimmt Shantel für die neue AYKU-Compilation mit Proechòs den Song ΠΡΩΤΟΜΑΓΙΑ (1984), 1. Mai 1984, auf. Ein Song, den die legendäre Frankfurter Band Anfang der 1980er Jahre im Auftrag des DGB für eine TV-Show geschrieben hatte. Ein melancholisches 1. Mai-Lied, das nun erstmals im Studio aufgenommen wurde und ansonsten in Vergessenheit geraten wäre. Auf Vol. 2 finden sich neben einem zweiten Song von Prosechòs weitere Tracks von Musikern und Bands, die aus Griechenland nach Almanya gekommen waren. Darunter Minotauros und ihr Song Artesiano (1972) oder Rembetes, die in den 1980er Jahren, unterstützt von der „Initiativgruppe griechische Kultur in der Bundesrepublik Deutschland“, durch Großstädte tourten und die Subkultur „Rembetika“ feierten. „Der neue Tsiftetelitanz“ ist eine Reminiszenz an diese Zeit. Auf „Songs of Gastarbeiter Vol. 2“ sind zudem spanische Songs zu hören, die bis auf eine Ausnahme alle in Deutschland entstanden und produziert wurden. So wie „Mira Caramba Mira“ und „Trico Trico Tra“ von Toni y Los Santos, die sich Ende der 1960er in Deutschland formierten. Die Band um Toni Sánchez spielte unzählige Gigs und nahm Alben auf. Insbesondere im Rhein-Main-Gebiet bildeten sich damals einige spanische Musikgruppen, darunter auch Dimension Salvo oder Dimension 77. Sie traten vornehmlich auf Festen auf, die von Clubs und Verbänden spanischer Einwanderer organisiert wurden. Im gleichen Zeitraum war auch die Formation Los Binkis aktiv. Gegründet im Spanischen Zentrum in Göppingen, wurde Los Binkis schnell bekannt und feiert über die Grenzen Baden-Württembergs hinaus Erfolge. Der Legende nach wollten die Mitglieder einen Namen für ihre Band, der mit „B“ beginnt, weil sie leidenschaftliche Fans der Beatles waren. Die Tanzband coverte viele Songs und nahm ihre Single „Te quiero ayer tuve un sueño“ 1972 in Madrid auf. Los Binkis löste sich Mitte der 1980er Jahre auf.

Der Gleichsetzung, Songs of Gastarbeiter sei vor allem die Musik türkeistämmiger Musiker und Bands, setzt AYKU mit ihrer Vol. 2 bewusst etwas entgegen und dokumentiert die musikalische und thematische Diversität der Musik von Einwanderern in der ehemaligen Bundesrepublik. Über das kulturelle Wirken von so genannten Vertragsarbeitern und Studierenden aus den „Bruderstaaten der DDR“ ist zu wenig überliefert. Auf Songs of Gastarbeiter Vol. 2 findet sich „Cherie“ von Bayon, der in der DDR produziert wurde. Gegründet Anfang der 1970er in Weimar von Christoph Theusner und Sonny Thet, fusionierte Bayon asiatische Klänge und Sounds mit Rock- und Jazzmusik. Thet war im Auftrag von Prinz Sihanouk in der DDR, um ein Studium klassischer Musik zu absolvieren. Nach dem Umsturz in Kambodscha entschied sich Sonny Thet, in der DDR zu bleiben. Ali Baran kam das erste Mal 1973 nach Deutschland, wo Mahmut Baran damals lebte. Mahmut Baran selbst war ein Kultsänger aus der Region Dersim/Türkei. Doch schon nach zwei Jahren kehrte Ali Baran zurück in die Türkei. Dort wurde der Musiker 1977 in Diyarbakir verhaftet, weil er bei einem Konzert Kurdisch gesungen hatte. Nach seiner Freilassung machte Ali Baran sich erneut auf den Weg nach Deutschland und begann 1979 in Karlsruhe Chemie zu studieren. Seine Leidenschaft blieb die Musik. Anfang der 1980er Jahre veröffentlichte Ali Baran sein erstes Album im deutschen Exil. Baran hat zahlreiche Songs geschrieben, die er vornehmlich auf Zaza und Kurdisch singt. Auf der neuen Compilation gibt es auch ein Wiederhören mit Ikonen türkeistämmiger Gastarbeitermusik, darunter ein Song der Nachtigall von Köln, Yüksel Özkasap, und Aşık Şah Turna, die für ihre politischen und sozialkritischen Songs bekannt ist. Eine wichtige Bühne für die Gastarbeiter-Bands waren Hochzeitsfeiern. In Almanya bildeten sich nicht nur zahlreiche Hochzeitsbands, sondern entstand mit „Discofolk“ ein eigenes Genre, das auf der „Songs of Gastarbeiter Vol. 2“ durch Akbaba Ikilisi und der Kultband Derdiyoklar vertreten ist.

„Wenn es mal echten Blues in Deutschland gegeben haben soll, dann diese ‘Songs of Gastarbeiter’. Blues aus Almanya: Heimweh, Am-Rande-Stehen, Niemals-Ankommen …“ meinte Arte Tracks zu diesen Songs.  Und in den Nürnberger Nachrichten konnte man lesen: „Diese Musik gehört zum Soundtrack der Bundesrepublik Deutschland.“ Trikont-Betreiberin Eva Mair-Holmes sagt: „Ich freu mich so, dass es diese Vol.2 gibt, sie ist bunt und laut, manchmal leise, ein wilder Ritt durch Zeiten, an die sich viele von uns nicht mehr erinnern oder nicht mal wussten, dass es die gab mit einer Musik, die unbedingt zu unser aller musikalischem Gedächtnis gehört.” Absolut zutreffend, es lohnt sich auch in Vol.2 reinzuhören! (Trikont) P.Ro

*****

******* = genial / ****** = phänomenal / ***** = optimal / **** = normal / *** = trivial / ** = banal / * = katastrophal

 

 

Share on facebook
Share on twitter