altemaelze

Bluesgeziefer

Golly

Ein musikalisch-literarisches Konzeptalbum.

Golly, das ist Roland Hertlein, und der ist seit Jahren musikalisch in der Region aktiv und daneben noch Betreiber der Kneipenbühne in Oberweiling. Daneben schreibt Golly auch noch literarische Texte, die er im eigenen Verlag herausgibt. Und so hat ihn die Pandemie gleich doppelt getroffen. Er nutzte darum die vergangenen allzu stillen Monate um im eigenen Knopf-Studio ein neues Album einzuspielen, das kürzlich erschienen ist: „Bluesgeziefer“, übrigens bereits die 32. Veröffentlichung von Golly. Und der Nachfolger von „Suite“ ist ein besonderes Projekt, denn der Wahl-Oberpfälzer, der eigentlich aus Nürnberg stammt, präsentiert hier Songs auf Fränkisch. In einem Interview meinte er dazu: „Ich hab mein Dachboden aufgräumt und da simmer so verschiedene Sachen unter die Finger kumma, die ich vor langer Zeit gschrieben hab – Fragmente meistens. Und des eine war wirklich “heid fräih bin i aafgwachd aganz alaans” – recht viel mehr war net. Und da hab ich ebn dann halt ne Gschichte drumherum gschriebn. Und dann hab i einfach Spaß an der Freud kriegt und gsagt ‚Da kann i doch no mehr machen, des langt doch net‘. Und jetzt sind des 14 Stücke gwordn.“ Die Inhalte dieser Lieder beschreiben oft auf intensive Art Schicksale von Menschen, die von den Widrigkeiten des Lebens überrollt wurden. So gibt es tragische Liedtexte über einen Selbstmörder (Ich schdäi auf der Brüggn), einen weiteren Obdachlosen (Blindgänger) und einen alkoholabhängigen Brandstifter (gäih werf dein Schnabbs…), aber auch tröstliche Zeilen wie „ .. und manchmol erlebst wos, des lässd di nimmer los – des wärd in der Erinnerung ned glänner, des bleibd groß ..“ aus dem Stück „Es war amal”. Der Wahl-Oberpfälzer zeigt damit, dass das Fränkische als Dialekt nicht unbedingt nur zum Klamauk taugen muss. Ursprünglich wollte er, wie schon bei der Vorgängerscheibe “Suite”, eine Menge musikalischer Freunde dazu ins Studio einladen; leider war das aus Corona-Gründen nicht möglich, und so musste er ziemlich viel selbst allein im Studio einspielen (Gitarre, Keyboard, Bass, Saxophon, Viola, Blues Harp und – oft mehrstimmigen – Gesang). Dazu kamen aber dann doch noch einige Musikerkollegen aus Franken wie Ralf Trautner und Peter Schöberl (Gitarre), Udo Schwendler (Trompete), Miller The Killer (Piano), aber auch der Oberpfälzer Wolfgang Kamm (Didgeridoo) und der Mongole Naidvartai Zett (Schlagzeug) haben mitgewirkt und ihre Soundfiles beigesteuert. Musikalisch ist das, wie der Titel schon sagt, im Blues angesiedelt, mit einem Touch Liedermacher- bzw. Folk-Touch und etwas New Orleans-Jazz-Feeling. Das erinnert stilistisch teilweise an Tom Waits. Gewidmet ist das Album übrigens Peter Schöberl, der im Sommer 2021 überraschend starb. Übrigens erzählt Golly die Geschichte zum Song „Brandnarb“ gleich noch aus verschiedenen Perspektiven auf einer Buchveröffentlichung mit diesem Titel. Also praktisch ein musikalisch-literarisches Konzeptalbum. (Knopf Studio) P.Ro

*****

******* = genial / ****** = phänomenal / ***** = optimal / **** = normal / *** = trivial / ** = banal / * = katastrophal

Share on facebook
Share on twitter