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In The Aftermath

Hollis Brown

Auf „In The Aftermath“ – natürlich in der US-Version des Originals – finden Hollis Brown clevere Wege, das Erbe der Stones zu würdigen.

Das neueste Album von Hollis Brown, einem Quintett aus Queens, New York, ist das Ergebnis einer nächtlichen Rock’n’Roll-Session. Die Band flüchtete im Frühjahr 2021 in die Pocono Mountains, um mit ein paar Gläsern Whiskey Aufnahmen zu machen, und spielte in einer 24-stündigen Session das bahnbrechende 1966er Album der Stones komplett neu ein. „In The Aftermath“ wurde live im Studio mit minimalen Overdubs aufgenommen und ist ein starker Beweis dafür, dass die fünfköpfige Gruppe eine der letzten großen amerikanischen Rock’n’Roll-Bands ist. „Es war eine rasante Aufnahmesession – wir hatten keinen Schlaf und waren betrunken. Man kann die Lockerheit auf dem letzten Stück, ‘Going Home’, definitiv hören”, erinnert sich Sänger und Gitarrist Mike Montali. Er fährt fort: “Wir waren nicht auf Perfektion bedacht – wir wollten ein Feeling rüber bringen.” „In The Aftermath“ ist der zweite Teil einer lässigen Hommage-Serie. Zuvor veröffentlichte Hollis Brown bereits vor einigen Jahren „Gets Loaded“, eine Hommage an Velvet Undergrounds Loaded. Das neue Album folgt direkt auf die bisher erfolgreichste Veröffentlichung der Band, „Ozone Park“ aus dem Jahr 2019.

Gegründet wurde die Band 2009 und bestand aus Jugendfreunden, Sänger und Gitarrist Mike Montali und Lead-Gitarrist Jonathan Bonilla. Den Bandnamen haben sie dem Bob-Dylan-Song “Ballad of Hollis Brown” entnommen, und der Name beschreibt treffend das Bestreben der Gruppe, eine charakteristische Americana-Mischung mit feinem Songhandwerk zu vereinen. Aktuell wird die Band durch Andrew Zehnal (Schlagzeug), Adam Bock (Tasten) und Chris Urriola (Bass) vervollständigt. Bis heute hat die Combo eine EP, drei Originalalben und den bereits erwähnten 2014er Record Store Day-Tribut zum Album Loaded von Velvet Underground veröffentlicht. „In The Aftermath“ war eine künstlerische Notwendigkeit für Hollis Brown. Die fünfköpfige Band genoss die Arbeit am VU-Album so sehr, dass sie anfingen, über eine “Hollis Brown presents…”-Serie zu scherzen, die prägende Platten in ihrem künstlerischen Kontinuum abdeckt. Der Anstoß zu dieser Neueinspielung kam von einer Einladung, während der Pandemie auf einer COVID-Protokoll-konformen Hinterhofparty zu spielen. Die Anfrage sah vor, dass die Band ein klassisches Album ihrer Wahl aufführen sollte. „Aftermath“ ist ein Stones-Album, in das man sich aus einer Vielzahl von Gründen vertiefen sollte. Zum einen ist es so etwas wie ein verlorener Klassiker geworden im Vergleich zu den späteren Aufnahmen in den 60ern, dazu ist es das erste Album, das ausschließlich Eigenkompositionen der Stones enthält und Jagger/Richards ähnlich wie Lennon/McCartney bei den Beatles als Songwriter-Duo etablierte. Die Songs wurden damals vom 3. bis 8. Dezember 1965 in den RCA-Studios in Hollywood aufgenommen. Es war nach „Out of Our Heads“ das zweite Rolling-Stones-Album, das ausschließlich in den USA entstand und das erste Album der Band, das in (echtem) Stereo veröffentlicht wurde. Erneut unterschied sich die amerikanische Fassung des Longplayers von der britischen. Die Titelliste wurde gekürzt (Mother’s Little Helper, What to Do, Out of Time sowie Take It or Leave It fehlten), dafür eröffnet der Nummer-eins-Hit Paint It Black die amerikanische Ausgabe der LP. Außerdem sind viele der Songs prägnante, extrem eingängige Rock’n’Roll-Rave-Songs, die ähnliche Blues- und Country-Wurzeln wie Hollis Browns eigene Ästhetik aufweisen. Ein weiterer interessanter Aspekt ist, dass es sich um ein Album handelt, das aufgenommen wurde, bevor Keith Richards zu seiner charakteristischen offenen G-Stimmung wechselte, die den Sound der Stones bis heute bestimmt. Da die Songs nicht an diesen spezifischen Gitarrenansatz gebunden sind, werden sie zum Freiwild für jeden, der mutig genug ist, es mit den Stones aufzunehmen. Auf „In The Aftermath“ – natürlich in der US-Version des Originals – finden Hollis Brown clevere Wege, das Erbe der Stones zu würdigen. Für die erste Single des Albums, “Under My Thumb”, destillieren sie den Track zu einem punkigen Knurren, das vom Sound des „Some Girls“-Album inspiriert ist. Hollis Brown liefert eine originalgetreue Interpretation von “Dontcha Bother Me” mit Muddy Waters-erprobter Slide-Gitarre, brodelndem Gesang und Mundharmonika. Die Jungs gehen mutig an “Paint It Black” heran und machen sich die bedrohliche Kraft des Stücks zunutze, indem sie die klassische Weltmusik-Perspektive gegen einen muskulösen Gitarren-Rock-Ansatz eintauschen. Hier wird das Schlagzeug auf einen ansteckenden Garagenrock-Beat reduziert, der perfekt mit den kräftigen Gitarrenriffs harmoniert.  Weitere Höhepunkte von In The Aftermath sind Going Home”, das mit einem langen Jam am Ende aufwartet, bei dem die Gitarren die von Keith oft erwähnte Chemie der „Weaving Guitar” einsetzen, und „High & Dry”. Letzteres ist ein vergessenes Stones-Juwel, und hier zeigt Hollis Brown eine Vorliebe für instrumentale Ausflüge, was die Frage aufwirft: “Was wäre, wenn die Stones im Exil ihren Backkatalog in dem behelfsmäßigen Aufnahmestudio in Keiths gemieteter französischer Villa wiederaufnehmen würden?”

Die Inspiration, die sich aus den Aufnahmen dieses Albums ergeben haben, werden sich definitiv auf das nächste Studioalbum der Band auswirken. „Die Aufnahme dieses Albums hat uns zurück ans Reißbrett gebracht”, verrät Mike. “Es ging darum, zur Essenz der amerikanischen Roots-Musik – Blues und Country – zurückzukehren, eine Tradition, auf der unsere Band gegründet wurde.” (Mascot/Cool Green Recordings) P.Ro

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