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Welt im Lockdown. Die globale Krise und ihre Folgen

Adam Tooze

C.-H.-Beck-Verlag, München 2021. 408 S., 26,95 Euro
Interessante Thesen über die globale Krise und ihre Folgen.

Kein Thema, nicht einmal der Klimawandel, prägte die Welt in den letzten knapp zwei Jahren so sehr wie Corona. Erste Bücher sind auf dem Markt, die die Krise international oder auch nur im Kontext deutscher Politik resümieren. Das interessanteste mag Adam Toozes „Welt im Lockdown“ über die globale Krise und ihre Folgen sein.
Nach Ansicht des Autors ist die Welt in ein Zeitalter permanenter Krisen eingetreten. Er identifiziert dabei eine ökologische Krise, eine Krise der Institutionen angesichts der Herausforderung durch die weltweite Pandemie sowie eine Krise der Weltordnung, in der China sich als einzige neue Weltmacht etablieren kann, während die USA mit einem irrlichternden Präsidenten und von ideologischen Kämpfen gebeutelt lahmgelegt waren.

Der erste Teil des Buches beschäftigt sich mit dem Ausbruch der Seuche in China. Nach anfänglichem Leugnen und Beschwichtigen seitens der chinesischen Regierung wurde die Welt im Januar von einer radikalen Kehrtwende überrascht, die Zehn-Millionen-Metropole Wuhan wurde abgeriegelt, eine Krankenstation innerhalb von zehn Tagen aufgebaut, kurz darauf ein landesweiter Lockdown verhängt. Aber bereits Mitte Februar wurden Maßnahmen ergriffen, um die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. In Europa und der übrigen Welt blickte man erstaunt und etwas hochnäsig auf die Seuche in China und konnte sich noch nicht vorstellen, wie schnell ein Virus die gesamte Welt befallen kann. Erst nach den schockierenden Bildern aus Italien war klar, dass wir nicht vor den Auswirkungen der Seuche gefeit waren.

Dieses Beben lässt sich deutlich an der Reaktion der Finanzmärkte ablesen. Tooze beschreibt, wie am Montag, 9. März, die Anleger in Panik ausbrachen und ein Run auf Bargeld einsetzte. Sogar der Markt für kurzfristige amerikanische Staatsanleihen, der wichtigste und sicherste Finanzmarkt der Welt, funktionierte nicht mehr: „Auf den Bildschirmen der Terminals tanzten die Kurse erratisch. Oder, noch schlimmer, es gab überhaupt keine Kurse.“ Wenn die Zentralbanken nicht mit aller Kraft eingeschritten wären, hätte sich gemäß Tooze daraus eine Finanzkrise entwickelt, die „noch destabilisierender gewesen wäre als der Zusammenbruch von Lehman Brothers im September 2008“.

Die Krise der staatlichen Institutionen zeigt sich in der zögernden Reaktion der westlichen Staaten auf die Pandemie. Während in Ostasien die Politik rasch reagierte, zögerten die westlichen Regierungen lange, bevor sie Hilfsprogramme beschlossen. Dann allerdings waren angesichts der fortgeschrittenen Krise enorme Eingriffe der Notenbanken in die Märkte mit milliardenschweren Finanzspritzen notwendig. Der Autor sieht darin eine Folge des neoliberalen Zeitalters, in dem entschlossenes Krisenmanagement nicht mehr zum Repertoire der Politik gehöre.

Drittens assoziiert Tooze mit der Corona-Pandemie eine Krise der Weltordnung. Der Aufstieg Chinas zu einem Rivalen der USA und die Abhängigkeit des Westens von China seien nun für alle deutlich geworden. Auch habe sich die chinesische Wirtschaft am schnellsten erholt und vom Krisenmodus wieder auf Volllast geschaltet, als die Europäer und Amerikaner noch mitten im Lockdown steckten. Zusätzlich lähmte die europäische Politik das Ausscheiden Großbritanniens aus der EU sowie die Auseinandersetzungen um den europäischen Rettungsfonds. China sei somit der eindeutige Gewinner der von Corona ausgelösten Krise, während die Vereinigten Staaten und die EU, also der alte “Westen”, den es in der Darstellung von Tooze so freilich nicht mehr gibt, der Verlierer ist.

Bleiben eine Reihe von kritischen Anmerkungen zum Buch. Der Autor konstatiert bereits inmitten der Pandemie die Gewinner und Verlierer. Es ist schließlich noch nicht klar, ob China letztendlich so viel besser aus der Krise kommt als die westlichen Länder. Laut „Die Zeit“ ist „einer der weltweit originellsten Wirtschaftshistoriker diesmal rasend schnell und weiß schon jetzt, welche Auswirkungen die Pandemie auf die globale Zukunft hat.” Warten wir die nächsten Jahre ab. (arm)

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