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Unbehagen. Theorie der überforderten Gesellschaft

Armin Nassehi

C.H.Beck 2021, 384 Seiten, 26.- Euro
Der Sozialwissenschaftler untersucht in seinem neuen Buch die Frage, an welchen sozialen Strukturen die Lösung gesamtgesellschaftlicher Krisen scheitert.

Der Sozialwissenschaftler Armin Nasehi untersucht in seinem neuen Buch die Frage, an welchen sozialen Strukturen die Lösung gesamtgesellschaftlicher Krisen scheitert. Armin Nasehi ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilian-Universität München.

Ausgangspunkt war die Frage seiner Studentinnen und Studenten, warum es denn nicht gelinge, die Probleme der Gegenwart wie die Klimakrise oder die Corona-Pandemie wirksam zu bekämpfen, obwohl das Wissen zumindest für die Ziele und zum Teil auch für die nötigen Prozesse sowie die notwendige Beteiligung unterschiedlicher Akteure vorhanden ist. Nassehi geht dieses Problem aus einer systemtheoretischen Perspektive an. Seine Fragestellung zielt nicht auf die Sozial-, sondern auf die Sachdimension. Er untersucht, wie sich Ordnung innerhalb von Systemen und in ihrem Verhältnis zur Umwelt aufbaut, wie die interne Differenzierungsform der Gesellschaft die internen Verarbeitungsregeln von Informationen und Handlungsmöglichkeiten prägt, wie sie Probleme betrachtet, die sie lösen kann und wie sie mit unbestimmten Herausforderungen umgeht. Seine Theorie lässt sich von dem Satz leiten, dass „Systeme nur sehen, was sie sehen können, aber nicht sehen, was sie nicht sehen können“. Er behandelt nicht Individuen und ihre Handlungen, sondern die „Überforderung der Gesellschaft mit sich selbst“ und analysiert,  an welchen sozialen Strukturen die Lösung gesamtgesellschaftlicher Krisen scheitert. Anhand der gegenwärtigen Krisen wird das „Missverhältnis von Einsicht und Handlungsfähigkeit oder von Wissen und Lösungsperspektiven“ drastisch deutlich. Der Konflikt zwischen der Möglichkeit, Krisen zu meistern, und den „Bedingungen ihrer direktiven Nicht-Umsetzbarkeit“ erzeugt das gesellschaftliche Unbehagen. Dass mögliche Lösungskonzepte häufig „viel zu einfach gedacht“ sind und die Fähigkeiten einer komplexen, funktional differenzierten Gesellschaft überfordern, führt „an die Grenzen ihrer eigenen Verarbeitungskapazität“, schreibt Nasehi. Die Gesellschaft selbst sei die Krise, und Problemen könne sie sich nur polyphon, eher unkoordiniert stellen. Aber in dieser „Gleichzeitigkeit von Unterschiedlichem“ liegen auch die Möglichkeiten, Probleme zu bewältigen und zu verarbeiten.

Letztendlich sieht Nassehi keinen Ansatzpunkt für einen „großen Wurf“, der die gegenwärtigen Probleme lösen kann, nach dem sich viele Menschen sehnen. Veränderungen müssen sich „in sozialen Systemen, d.h. im Nacheinander sich selbst stabilisierender Ereignisse einnisten können“. Und er sieht auch ein „überfordertes Individuum, das die unterschiedlichen Ansprüche einer ungemütlichen, überkomplexen Gesellschaft“ nur dadurch  aushält, indem es „Praktikabilitäten“ schafft und in kleinen, kaum aufeinander abgestimmten Schritten verarbeitet. Eine große Lösung der drängenden Probleme der Gegenwart scheint also aussichtslos. Wir müssen weiter in kleinen Schritten die Probleme angehen, und darin sei die Gesellschaft leistungsfähig und willig. Gegenüber grundlegenden, ganzheitlichen Konzepten erweist sie sich als unzulänglich. Der Krisenmodus scheine nicht wirklich geeignet zu sein, um Krisen zu meistern, ist sein Fazit.

 

 

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