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Mavi Phoenix

Kritik zum Konzert am 22. Oktober in der Alten Mälzerei in Regensburg

Die Popmusik als Kraftquell Musik Mavi Phoenix freut sich, wieder auf der Bühne stehen zu dürfen – und erfindet sich mit Gitarrenriffs und Rockattitüde neu.

Ob Popmusik ein Brennspiegel ist, der die Kraft hat, die Essenz von Gegenwarten einzufangen? Bejaht man diese Frage – und es gibt sehr viele gute Gründe dafür, Pop als ein solches Archiv zu begreifen, das hilft, den Alltag künstlerisch-ästhetisch zu sortieren – dann dürfte Mavi Phoenix ein perfekter Beleg für eine solche Behauptung sein. Denn jener 1995 in Linz als Marlene Nader geborene Sänger, der da am Freitagabend in der Alten Mälzerei als Kopf seiner Rockband mit Gitarre um den Hals auf der Bühne steht, ist eine perfekte Spiegelung jüngster Tendenzen und Entwicklungen. Weil Marlon, wie er sich nach seinem Outing als Transgendermann und einer erfolgreichen Testosteron-Therapie mit neuem Vornamen nennt, vorführt, wie fruchtbar und beständig der Wandel doch sein kann. Und wie eine, die zu Beginn ihrer Karriere im Jahr 2017 noch die Stars von „Bilderbuch“ als Rapperin begleitete, sich nun neu erfindet, als Bandleader. Und zwar wie ein Vogel, der stolz sein Haupt aus der Asche des Glamrocks erhebt. Denn was da mit „Leaving“, dem ersten von 14 Songs, auf der Bühne – ja, man muss schon sagen: losbricht -, das hat mit Sprechgesang oder Autotune fast gar nichts mehr zu tun. Dagegen sehr viel mit Gitarrenriffs. Mit Rockattitüde. Und bekundet gleichzeitig jenen Willen, den man als augenzwinkernde Ironie ebenso begreifen kann wie als ernst gemeinten Hinweis, dass die Welt eindeutig mehrdeutig ist. Dass dazu in erster Linie eine gute Band gehört, die zu performen weiß, dafür sorgt die grandios-kraftvolle Rhythmus-Crew, bestehend aus Jürgen Schallauer am Bass und Felix Bürger an den Drums. Gitarristin Ute (der Zuname ging im Jubel unter) dagegen überzeugt, wenn sie nicht gerade für die Rhythmusbegleitung zuständig ist, mit feinen Licks. Und so tauchen unvermittelt Assoziationen auf, die an britischen Gitarrenpop der 1980er Jahre erinnern, und verleihen so dieser euphorischen Glam-Melange melancholische Noten. Sehr ehrlich präsentiert sich Marlon, wenn er bei seinen Ansagen betont, wie froh er sei, dass er mit seiner Band jetzt doch wieder auf Tour gehen könne, und wie sehr er es liebe, live auf der Bühne zu stehen. Weil ihn – der zwar die Aufmerksamkeit von US-Magazinen ebenso genießt wie die von Jan Böhmermann (in dessen Show er schon zweimal zu Gast war) und der in seinem Heimatland schon doppelt mit dem Amadeus-Award ausgezeichnet wurde – die Pandemie an den Rand seiner künstlerischen Existenz gebracht habe. Dieser Optimismus, der sich da Bahn bricht, ist vielleicht auch so etwas wie die Essenz unserer Gegenwart: Und Gegenentwurf zu einer Austro-Pop-Legende wie Wolfgang Ambros, der kurz nach dem abrupten Ende von Glamrock in einem seiner besten Lieder Klage darüber führt, dass sich in seinem Leben einfach nichts ergebe. Und dass er immer vergeblich auf die große Wende gewartet habe. Mavi Phoenix wird in Interviews nicht müde, zu versichern, dass er fest darauf vertraue, dass sich in seinem Leben selbst im Falle künstlerischer Erfolglosigkeit immer was ergebe. Popmusik kann offenbar noch viel mehr als ein Brennspiegel sein – nämlich auch Kraftquell. Mavi Phoenix Pandemie: Eigentlich hätte 2020 für Mavi Phoenix ein Jahr mit vielen Livekonzerten werden sollen, um so seine internationale Karriere voranzutreiben. Stattdessen aber stand das Pandemiejahr im Zeichen der Entschleunigung und des Übergangs. Song: Mit „Leaving“ hat Mavi Phoenix im Sommer seinen zweiten Song als Mann veröffentlicht. Damit setzt er die neu eingeschlagene Linie fort, sich solo um Komposition und Produktion zu kümmern. (Peter Geiger)

Fotokredit: Peter Geiger

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