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Sigmar Polke. Dualismen

Vom 9. Oktober 2021 bis 16. Januar 2022

Eine Ausstellung des Kunstforums Ostdeutsche Galerie Regensburg in Kooperation mit der Städ­ti­schen Galerie Karlsruhe
Die Ausstellung „Sigmar Polke. Dualismen“ widmet das Kunstforum Ostdeutsche Galerie in Regensburg dem Künstler zu seinem 80. Geburtstag. Die umfassende Zusammenschau von rund 90 Werken zeigt das Museum bis zum 16. Januar 2022. Danach übernimmt die Städtische Galerie Karlsruhe die Ausstellung als zweite Station.

Sigmar Polke prägte die deutsche Kunstszene seit den 1960er Jahren entscheidend mit. Insbesondere mit seinen Raster-Bildern aus einzelnen Punkten und dem Begriff des „Kapitalistischen Realismus“ erlangte er auch international Bekanntheit. Sein tiefsinniges, experimentierfreudiges Schaffen fasziniert durch seine Vielschichtigkeit und besticht zugleich mit Leichtigkeit und Humor. Die Ausstellung „Sigmar Polke. Dualismen“ widmet das Kunstforum Ostdeutsche Galerie in Regensburg dem Künstler zu seinem 80. Geburtstag. Die umfassende Zusammenschau von rund 90 Werken zeigt das Museum vom 9. Oktober 2021 bis 16. Januar 2022. Danach übernimmt die Städtische Galerie Karlsruhe die Ausstellung als zweite Station.

Sigmar Polke (1941–2010) ist einer der wegweisenden deutschen Künstler der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Seine Werke haben bis heute nichts an ihrer Wirkungskraft verloren. Geboren wurde Sigmar Polke im niederschlesischen Oels (heute: Oleśnica, Polen). 1945, als er vier Jahre alt war, floh die Familie zunächst nach Thüringen und acht Jahre später nach West-Deutschland. Zusammen mit weiteren Künstlern prägte Polke in den 1960er Jahren den Stilbegriff des „Kapitalistischen Realismus“. In der gleichen Zeit entstanden auch die ersten Raster-Bilder. Diese Technik durchzieht sein gesamtes Schaffen. Polkes abwechslungsreiches Werk umfasst Gemälde, grafische Arbeiten, Fotografien, Filme, Objekte sowie Künstlerbücher. In seinen Arbeiten hinterfragt der Künstler Sehgewohnheiten sowie die Wahrnehmung an sich und experimentiert mit ungewöhnlichen Materialien und Techniken. So malt er statt auf die Leinwand auf gemusterte Deko-Stoffe, lässt die Farbe darauf einfach fließen oder belichtet Fotopapier mit radioaktivem Gestein. Vielschichtig, voller Verweise – etwa auf Kunst- und Zeitgeschichte, tiefsinnig und humorvoll zugleich geben seine Werke neue Impulse und laden ein, eingefahrene Sichtweisen und Denkmuster zu überprüfen.

Die umfangreiche Ausstellung „Sigmar Polke. Dualismen“ zeigt das Kunstforum Ostdeutsche Galerie im Jahr von Polkes 80. Geburtstag. „Der Begriff ,Dualismusʻ erfasst Grundprinzipien, die in Polkes Werk zu beobachten sind,“ erläutert die Kuratorin der Ausstellung, Dr. Verena Hein, den Ausstellungstitel. „Es geht um Zweiheit und Polarität, etwas, das sich konträr gegenübersteht, sich komplementär ergänzt oder gar gegenseitig definiert,“ erklärt sie. Dass es dabei nicht um ein Schwarz-Weiß-Denken geht, sondern um das Überwinden von Gegensätzlichkeit unterstreicht Polkes Aussage aus dem Jahr 1966: „Ich bin froh, dass ich nicht nur schwarz und weiß sehe, sondern beides zugleich.“

Die Zusammenschau von rund 90 Werken aus der Zeit zwischen 1963 und 2009 geht wichtigen Fragestellungen nach, die Sigmar Polke beschäftigten. Insgesamt sieben Sektionen bieten einen inhaltlichen Rahmen, um sich Polkes komplexem Werk zu nähern. Anhand von Gegenüberstellungen können die Betrachterinnen und Betrachter die vieldeutigen Aussagen für sich entdecken.

Die Ausstellung beginnt im 200 Quadratmeter großen Hauptsaal, wo in dichter Hängung Polkes verschiedene Werkkomplexe vorgestellt werden. Kekse und Würste – Gegenstände des Alltags setzte Sigmar Polke als Symbole der Nachkriegsgesellschaft in Szene. Zusammen mit Gerhard Richter, Karl Horst Hödicke und weiteren befreundeten Künstlern begründete er den „Kapitalistischen Realismus“. Er ist als eine Reaktion auf die ideologische Überhöhung des Alltags im Sozialistischen Realismus der DDR zu verstehen. Zugleich nimmt er Bezug auf die amerikanische Pop-Art, die Konsumartikel und das Medienbild feierte.

Sigmar Polke sezierte die Zeichen des Kleinbürgertums und kommentierte auf diese Weise das Wertesystem der jungen Bundesrepublik. In seinen Raster-Bildern zerlegte er Bildmotive, die er aus Zeitungen oder Zeitschriften entnahm, in einzelne Punkte. Erst im Auge des Betrachtenden verbinden sich diese zu einem Motiv. Die vermeintlich objektiven Zeugnisse einer Epoche unterzieht Polke einer Neubetrachtung.

Wer entscheidet darüber, was bildwürdig ist? Wer (er)schafft das Bild? Diese Fragen standen ab Ende der 1960er Jahre für Sigmar Polke auf dem Prüfstand. Legendär ist seine Edition „… Höhere Wesen befehlen“ (1968). Sie umfasst 14 Fotografien, die verschiedene Interaktionen und Spielereien mit Alltagsbeobachtungen einfangen. „Höhere Wesen“ tauchen mehrfach auf. So befehlen sie in einer Zeichnung „Winkel malen!“ (1968) – es ist eine Referenz an Malewitschs „Schwarzem Quadrat“ (1915). Gleichzeitig suchte Polke nach Sujets, die bislang wenig oder gar nicht in der Kunstgeschichte vorkamen, etwa Reiher oder Palmen. Die Motive sind dabei mehr als originell, sie sind künstlerisches Konzept: Es geht um Fragen der Bildwürdigkeit und um Kreativität. Die Trennung von Kunst und Alltag überwand Polke mit Humor.

Das Spiel mit der Wahrnehmung und zugleich mit Standards und Konventionen innerhalb des künstlerischen Herstellungsprozesses verfolgte Polke sein Leben lang. So experimentierte er mit verschiedenen Techniken und Materialien. Für seine „Stoffbilder“, die ab den 1980er Jahren entstanden, verwendete er statt der Leinwand industriell hergestellten Deko-Stoff. Das Stoffmuster band er als weitere Bedeutungsebene ein. Für „Die Schuhe des Yeti“ (1994) kombinierte er einen mit Fahrrädern bedruckten Stoff mit japanischen Holzsandalen in Rastertechnik. Die „Himmelsbilder“ (um 2006), eine mehrteilige fotografische Arbeit, zeigen einen Blick in den Wolkenhimmel. Man ist versucht, Gesichter und Motive darin zu erkennen. Dieses Phänomen der Pareidolie findet seine Erklärung in der Wahrnehmungspsychologie.

Anschließende Räume der Ausstellung fächern Polkes Ansätze weiter auf und vertiefen sie. Anregend war für ihn der Austausch mit seinen Wegbegleitern und Künstlerfreundinnen und -freunden, was Gemeinschaftsarbeiten zeigen. Bildzitate aus der Kunstgeschichte sind Ausgangspunkt mehrerer Werke, wie etwa „Das Haus des Mondrian“ (1994). Hier erinnert der karierte Stoff, den er bemalt, an die abstrakten Werke des Mitbegründers der Künstlerbewegung „De Stijl“.

Neben der Verwendung von Deko-Stoff griff Polke zu weiteren neuartigen Materialien und Techniken. Im Frühwerk zeichnete er beispielsweise mit dem Kugelschreiber, der in der Kunstproduktion bislang nicht üblich war. Ab den 1980er Jahren zog sich Polke scheinbar aus dem Prozess des Bildermachens zurück. Ziel war das Werk, das sich ohne Eingriff des Künstlers selbsttätig erschafft. Polke beschäftigte sich daher mit alchemistischen Verfahren: Mit einem profunden (natur-) wissenschaftlichen Wissen beherrschte er Material und Technik so, dass das Bild durch den Zufall oder sogar durch ein Wunder scheinbar selbst entstehen konnte. So arbeitete er mit Farbschüttungen oder setzte Uran ein, das auf Fotopapier Spuren hinterließ.

Den Gegensatz von Hoch- und Trivialkultur überwand Sigmar Polke in seinen zahlreichen Editionen. Die in einer Auflage hergestellten Werke umfassen Druckgrafik, Objekte oder Fotografie. Im letzten Ausstellungsraum finden sich einige Beispiele dieser Arbeiten. Die Motive drehen sich unter anderem um Liebe und Erotik, etwa in „Sauberes Auto – gute Laune“ (2002). Polkes eigener Humor, der sich oft erst in Bezug zum Titel offenbart, ist hier besonders augenfällig.

Sigmar Polkes Werke bestechen auch zehn Jahre nach seinem Tod durch ihre Mehrdeutigkeit. Dieser ambigue Charakter eröffnet ein breites Spektrum an Assoziationsmöglichkeiten. An diesem Punkt sind die Betrachterin und der Betrachter gefragt. 1984 sagte Polke dazu: „Ein Bild wird erst zum Bild, wenn man das seinige dazutut.“

Die umfangreiche Ausstellung „Sigmar Polke. Dualismen“ konnte nur dank des Vertrauens und der Zusammenarbeit mit zahlreichen Leihgebern entstehen. Unter den 90 Werken sind unter anderem Exponate aus den Beständen folgender Institutionen und Sammlungen zu finden: Kunsthaus nrw Kornelimünster, Aachen; Kunstraum am Limes – Sammlung Zeitgenössischer Kunst, Hillscheid; Sammlung Speck, Köln; Sammlung Viehof, Mönchengladbach; Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München; Staatliche Graphische Sammlung München; Sammlung Lambrecht-Schadeberg, Museum für Gegenwartskunst Siegen. Ferner konnte das Kunstforum Ostdeutsche Galerie auf zahlreiche Privatsammlungen zurückgreifen, die ungenannt bleiben möchten. Die Städtische Galerie Karlsruhe unterstützt als Kooperationspartner und einer der Hauptleihgeber das Projekt. Nach Ende der Laufzeit in Regensburg, am 16. Januar 2022, wird die Ausstellung vom 5. März bis 12. Juni 2022 in Karlsruhe gezeigt. Der gemeinsam herausgegebene Katalog mit Beiträgen von Verena Hein, Stefanie Patruno und Ksenija Tschetschik-Hammerl sowie einem Interview mit Anna Polke ist ab Ende Oktober an der Museumskasse erhältlich.

Fotokredit: Sigmar Polke, Freundinnen II, 1967, Offsetdruck, koloriert, Kunstraum am Limes – Sammlung Zeitgenössischer Kunst, Hillscheid
© The Estate of Sigmar Polke, Cologne / © VG Bild-Kunst, Bonn 2021
Foto: Werner Baumann

 

 

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