powerconcerts
turmtheater

Voodoo Jürgens

Kritik zum Konzert am 27. Juli im Prüfeninger Schlossgarten in Regensburg

Der Sänger aus Niederösterreich bezirzt mit Wiener Charme auch in der Oberpfalz – in Prüfening erzählte er wunderbare Alltagsgeschichten.

Ja, klar, der Name, der verwirrt natürlich ein bisserl, hierzulande. Weil Voodoo Jürgens nun so gar nichts zu tun hat, mit dem großen Udo, der bei dieser Taufe Pate stand. Weshalb die Figur, die der 1983 im niederösterreichischen Tulln geborene David Öllerer verkörpert, weder Smoking noch Fliege trägt. Und sich bei der letzten Zugabe auch nicht im flauschigen Bademantel an einen weißen Schimmel-Flügel setzt. Nein, dieser Voodoo-Zauberer hier auf der Schlossgartenbühne, draußen in Prüfening, der spricht „sehr stoaken Dialekt“. Und trägt einen dunklen Anzug mit Schlaghose. Und, farblich dazu passend, ein hellbeiges Synthetikhemd. Dessen weit geöffneter – das Herren- Dekolleté – Kragen sich breit macht, über dem Sakko-Revers. Wer sich so kleidet, stammt aus einer anderen gesellschaftlichen Etage.

Inwieweit dieses auf den Nanometer genau dem Gürtelmilieu (wie in Wien die Unterwelt genannt wird) abgeschaute Figurendesign nun der Fantasie eines unzuverlässigen Posers, der sich aufs „schee hiredn’n“ versteht, entstammt – oder, ob da nicht doch ein ganzer Körnersack voll Wahrheit drinsteckt, darüber gibt ein synoptischer Blick Auskunft: Und zwar, wenn man die bei Wikipedia verfügbare Biografie von David Öllerer daran misst, was Voodoo Jürgens über seinen Geburtsort im gleichnamigen Lied „Tulln“ zu berichten hat. Ja, stellt man fest: Sein Vater, der wurde tatsächlich im Jahre 1991 zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Und diese Story sorgte auch für landesweite Schlagzeilen, zwischen Vorarlberg und dem Neusiedler See.

Gleichzeitig aber ist Voodoo Jürgens mehr als nur Milieu: Er ist ein Künstler! Und zwar einer von ganz außergewöhnlichen Gnaden: Denn was er da hochverdichtet seiner Herkunft zuschreibt (erschienen auf seinem 2016er Debüt „Ansa Woar“ – auf Hochdeutsch: Daumen hoch für beste Qualität), das ist von radikaler Ehrlichkeit, grandioser Tiefenschärfe und tränentreibender Tristesse. Als Beispiel soll ein Satz nur genügen: „Und im Winter woa Eisdisko.“ Weder ein Boxer noch Bob Dylan höchstselbst könnte das Dilemma einer Kleinstadtjugend treffender, pointierter und alarmierender auf den Punkt bringen.

Musikalisch vertraut Voodoo Jürgens auf sein „Anser Panier“ – per Selbstzuschreibung wird hier schon mal klargestellt, dass es sich bei der vierköpfigen Kapelle um einen Begleitschutz von außerordentlicher Leistungsfähigkeit handelt. Den sie auch jederzeit einzulösen bereit sind: Sie klingen mal nach Balkankapelle, dann Brecht’scher Oper oder einem Tom Waits-Album der mittleren Phase. Verstärken den Bass mit der Tuba, sorgen für Heurigen-Seligkeit mit einer fidelen Geige oder setzen mit der Trompete Soul-Akzente. Und wissen jederzeit, wie umgeschaltet werden kann, auf Reggae etwa oder Dub.

Gut eineinhalb Stunden stehen sie auf der Bühne. Auch wenn der Spannungsbogen nicht durchweg superstraff gehalten wird (Andreas Hanauer etwa, der Gitarrist des Leberkas-Trios, fand‘s „schee“, aber manchmal auch „a weng fad“), war’s trotzdem „leiwaund“, wie der Wiener sagt, wenn er Superlativ meint! Denn: Vooodoo verfügt über den Charme eines Schiffsschaukelbremsers, wenn er mit „Dir tanzen“ möchte. Und sodann, mit unbeholfenem Hüftschwung und ebenso ein- wie ausladender Geste jeden Song mit dem Motto eröffnet: „Anser Panier – schpüüt’s es aan!“ (PeG)

 

 

Share on facebook
Share on twitter