altemaelze

Werewolves of Portland

Paul Gilbert

Wieder mal eine Insider-Kritik – diesmal vom Regensburger Gitarristen Oli Zangl, der das neue Album von Paul Gilbert durchgehört hat. Virtuoser Saitenzauberer – der musikalische Grenzgänger und Multinstrumentalist begeistert wieder mal seine Gitarristenfans auf der ganzen Welt.

Auf seiner mittlerweile 16. Soloveröffentlichung zieht Paul Gilbert alle technischen sowie musikalischen Register. Bekannt als Gitarrist der Bands „Mr. Big“ und „Racer X“ hat er erstmalig auf einem Album alle Instrumente selbst einspielt. Begründet hat Gilbert das mit dem Lockdown, da es dadurch unmöglich war, das Album mit Band im Studio einzuspielen. Das einzige was fehlt ist der Gesang. Das ist wirklich spieltechnisch schon nicht mehr von dieser Welt, was er auf seinem neuen Instrumentalalbum so abliefert. Mit jedem Song malt der „Portlander“ hier eine bunte Collage aus filigranen Einzelparts, die sehr lebendig und klangvoll aneinandergereiht werden, ohne dass es konstruiert wirkt. Mit Eleganz und Spielwitz wechselt Paul G. hier ständig zwischen binärer und ternärer Rhythmik als wäre es das einfachste von der Welt, während der Meister raffinierte Harmoniechanges mit messerscharfen Riffs garniert. Seine Soloarbeit ist wie gewohnt ein Konvolut aus Artistik, Tradition und Melodie, dargebracht mit witzigen Sounds, mit traditionellen Gitarreneffekten angereichert. Sein Lieblingsutensil scheint seit einiger Zeit der Slide zu sein. Das Wichtigste: man hört und spürt seinen Spielspaß und sieht ihn dabei ständig mit einem Grinsen im Gesicht, während seine langen Finger über die Saiten fliegen. Um das schätzen und auch genießen zu können, wäre es von Vorteil, etwas vom Fach zu sein. Ich denke nicht, dass hier der traditionelle Rockfan große Freude daran finden wird.

Es ist schon der geneigte Fachexperte, dem dieser facettenreiche, zum Teil fast schon „zappaeske“ Sound nach fünf Minuten nicht gewaltig auf den Senkel geht. Aber das erwartet man auch von jemanden wie Paul Gilbert. Es ist – wie bei allen Virtuosen – immer eine musikalische Gratwanderung zwischen Genie und Wahnsinn. Genial ist der kreative Output und der Spielwitz, der keine Sekunde Langeweile aufkommen lässt, Wahnsinn dürfte die technische Perfektion sein, die man bei der Bedienung all seiner Instrumente attestieren muss. Wiedererkennende Melodien, die haften bleiben – ehrlich, beim ersten Mal durchhören ist da nichts bei mir hängen geblieben. Witzig ist, Gilbert schreibt Lyrics für seine Instrumentaltitel. Diese Geschichten wandelt er in Bilder und Musik. Die Lyrics sollen den Zuhörer durch den Song leiten. Ich hab mir zu den einzelne Stücken meine Notizen gemacht:

  1. Hello North Dakota: Das Stück beginnt mit fanfareähnlichen Klängen im Brian May-Stil. Es gleitet über in ein klangvoll melodiöses Stück mit Slidegitarren interpretiert. Untermauert mit sehr breaklastiger Spielfreude im Retrosound Kostüm. Da hört man Phaser, Vibe und Tremolo. Geiler Einstieg.
  2. My Goodness: Eine witzige Kindermelodie wechselt sich mit abgefahrenen Arpeggien-Orgien, dann wird es bluesig. Alles sehr abgefahren, eine Link Library für jeden Gitarristen. Sehr elaboriertes Spiel, technisch wie immer Formel 1.
  3. Werewolves of Portland: Könnte zunächst ein Instrumentalstück von Toto sein. Fusion-Rockpower vom feinsten. Jazzige Akkordfolgen, mittendrin dieser (oftmalig verwendete) binär/ternär Wechsel in einen 6/8tel Groove. Zappaeskes Arrangement. Das wahrscheinlich virtuoseste Stück auf dem Album. Werewolves waren übrigens seine Jungs und er in seiner Band. „When we play music, it is our Version of „howling at the Moon“.
  4. Professorship at the Leningrad Conservatory: Klingt verdächtig nach Großmeister „Alan Holdsworth“. Hier haben wir wieder eine abwechslungsreiche Collage von verschiedenen Parts, bunt und facettenreich wie in einer Bildergalerie.
  5. Argument about pie: Da wird wieder alles ausgepackt, was in ihm steckt. Virtuos, melodiös…ein schier unerschöpflicher Ideenreichtum. Paul Gilberts Favorit auf dem Album.
  6. Meaningful: Mal was balladeskes. Sehr schön.
  7. I wanna cry: Wenn sich asynchron die Rhythmen überlagern wird es schwierig. Das macht er hier besonders ausführlich. Man hört die Freude am Experimentieren
  8. A thunderous Ovation shook the columns: Eher eine etwas traditionelle Rockgitarre. Melodiös und nicht aussergewöhnlich. Hinter dem Titel gibt es eine Geschichte. Ich kenn sie leider nicht.
  9. Problem Solving People: Auch hier im Grunde eine bodenständige Rocknummer.
  10. (You would not be able to handle) what I handle everyday: Glaub ich aufs Wort. Hier geht es recht bluesrockig zur Sache, garniert mit vitruosen Fills. Hendrix meets Gilbert.

Deshalb mein Fazit: Tolles und abwechslungsreiches Album für Gitarristen! (The Players Club) Oli Zangl

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******* = genial / ****** = phänomenal / ***** = optimal / **** = normal / *** = trivial / ** = banal / * = katastrophal

 

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