altemaelze

In der Gegenwart der Vergangenheit

Friedemann

Wieder mal ein Insider-Tipp und wieder mal von „schwafi“, aka Klaus Schwarzfischer. Kritisch begutachtet hat er das neue Werk von Hinz Friedemann. Handwerker, Tätowierer, Landwirt, Selbstversorger, Erzieher und Musiker – das Leben von Friedemann und seiner Familie findet auf vielen Wegen statt. Nach mittlerweile fünf Soloalben, über zehn Alben mit seiner Punkband COR sowie unzähligen Konzerten und Touren erscheint nun Friedemanns neues Soloalbum „In der Gegenwart der Vergangenheit“.

Es ist nicht einfach mit der Einfachheit. Oder nennen wir sie der Schlichtheit halber eine an mangelnder Komplexität leidende Simplizität. Es geht damit los, dass man anfangs einer Kritik jemanden zitieren möchte, der etwas Kluges gesagt hat, einem will aber partout nicht einfallen, wer es war und wo man es gelesen, geschweige denn wie genau es gelautet hat. Hätte man das Zitat zur Hand, könnte man beim werten Lesepublikum Eindruck schinden und sich seiner Zustimmung sicher sein. Nach dem Motto: Boah, wenn der das Zitat von dem … einfach so aus dem Ärmel schüttelt, dann muss das schon stimmen, was er hernach über diesen und jenen Akrobaten schreibt. Auch dass ich überhaupt eine Rezension verfassen sollte, fiel mir erst wieder ein, als ich am Ostersamstag dem Grab meiner Großmutter einen Besuch abstattete. Friedhof: War da nicht was? Da war was. Aber was? Als am frühen Nachmittag der Eismann klingelte und mir einen Katalog und 30 % auf die fünf ersten Eistorten-Bestellungen über mehr als dreißig Euro anbot, fügten sich die Puzzleteile wie von selbst ineinander. Friedhof + Eismann = Friedemann. Ich hatte sie vergessen. Den Friedemann und den Auftrag, sein neues Werk „In der Gegenwart der Vergangenheit“ auf dem bedeutungsschwangeren Label „Exile on Mainstream“ erschienen, zu begutachten. Das vergessene Zitat von irgendjemandem ging ungefähr so: „Wenn etwas einfach und gut ist, heißt es nicht, dass es gut ist, weil es einfach ist, sondern dass es gut ist, weil es gut ist“.

Friedemann tut, was er tut, nicht richtig schlecht. Deshalb hat er auch eine eingeschworene Fan-Gemeinde. Er macht es sich aber zu einfach, indem er Reduzierung auf das Wesentliche vorspiegelt. Ihm fehlt das Klare, vielleicht auch das nötige Handwerk. So als bekäme man eine Kommode geliefert, die auf den ersten Blick gut aussieht, bei der aber die Schubladen klemmen. Das nervt. Friedemann hat Mitteilugsbedarf, er zeigt Haltung. Könnte er diese Botschaften besser in Form bringen, wären die Inhalte zum Teil sehr interessant. Aber eigenartige Phrasierungen, silbenvermüllte Textzeilen und daraus resultierende Fehlbetonungen vermiesen das Zuhören. Er holt bei seinen Songs Mutter und Vater mit ins Boot, den nachdenklichen Elterndialog psychotherapeutischer Kategorie, wie wir ihn aus den 80ern des vergangenen Jahrtausends zum Beispiel von BAP und Cat Stevens kennen. Sonnensucher finden die Sonne nicht. Faschisten sind Scheiße. Kein Mensch ist eine Insel. Und was will mir „Nur Körper und Fleisch, die folgen dir“ sagen? Gibt es menschliche Organismen, die aus Haut, Kochen und Müsli bestehen? Alles ist schwierig, die Welt ungerecht. Um Leuten meines Schlages ein schlechtes Gewissen angedeihen zu lassen, schmettert Friedemann ein flehendes „Lasst mich doch bitte nicht so desillusioniert zurück!“ in die gegenwärtige Vergangenheit. Dem leiste ich reumütig Folge: Friedemann ist ein eigenständiger und der Auswahl seiner Themen zufolge netter Mensch, der über viele Dinge lange nachdenkt. Er macht, was er will. Das lässt sich von den wenigsten Künstlern in diesem Metier behaupten. Wenn er Leuten damit eine Freude macht, soll, nein, muss er weitermusizieren. Vielleicht findet er den Weg zu einer einfacheren Einfachheit. Vorschlag für den nächsten Albumtitel: „Die Präsenz des Imperfekts.“ (Exile On Mainstream) schwafi

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******* = genial / ****** = phänomenal / ***** = optimal / **** = normal / *** = trivial / ** = banal / * = katastrophal

 

 

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