altemaelze

The bitter truth

Evanescence

Geboten wird hier der bekannte musikalische Stoff aus Modern Metal mit (nicht mehr ganz so viel) Piano, dicken Riffs, Balladen und diesmal sehr persönlichen Texten.

Knappe zehn Jahre nach ihrem letzten, gleichnamigen Album veröffentlichte kürzlich Amy Lee mit „The bitter truth“ eine neue Evanescence-Scheibe mit neuen Songs. Geboten wird hier der bekannte musikalische Stoff aus Modern Metal mit (nicht mehr ganz so viel) Piano, dicken Riffs, Balladen und diesmal sehr persönlichen Texten. Wer hier ein zweites „Fallen“ erwartet, mit vielen Hits oder gar ein neues „Bring me to Life“ oder „Going under“ wird hier ebenso wenig fündig, wie Leute, die meinen, das wäre Linkin‘ Park in neuen Schläuchen. Keine Ahnung wie man auf die Idee kommt. Das Album an sich ist extrem fett produziert von Nick Raskulinecz, überdeckt mir aber ab und an dadurch die Feinheiten der Songs wie das schöne Klavier bei „Feeding the Dark“. Amy Lee singt teilweise sehr aggressiv, hat aber nichts von ihrer einzigartigen und unverkennbaren Stimme verloren und ist der „Star“ des Albums und auch die Songs an sich sind um einiges härter als früher ausgefallen. Dennoch kommen unter den elf neuen Songs (Track #1 ist nur ein Intro) auch die balladesken Töne bzw. Balladen nicht zu kurz wie bei „Wasted on You“ (erste Singleauskoppelung), „Use my Voice“ (Single #3) und der wunderschönen Ballade „Far from Heaven” im Stile von “My Immortal” mit Piano, Streicher, zartem und einfühlsamen Gesang. Dass es die Band auch nach wie vor richtig krachen lassen kann, zeigt sie dafür beim Rest. Hier stechen natürlich die vierte Single „Better without you“, „Part of me” und der an Bands wie Epica erinnernde Abschlusssong “Blind Belief”, untermalt mit Streichern (aus der Konserve), Piano und ohne Growing, heraus, während man bei der zweiten Single „The Game is over“ Nu-Metaleinflüsse à la Korn (also die noch gut waren) verorten kann. Ausfälle gibt es nur mit dem öden, zuviel Electroeinflüsse nützende und mit einem echt mauen Refrain versehenen „Take Cover“. Was mir fehlt sind die Gitarrensoli. Bei gleich zwei Gitarristinnen/en sollte hier schon mehr geboten sein als nur simples, wenn auch effektives und zu den Songs passendes Riffgeschiebe. Die ganzen prominenten Gäste müssten eigentlich nicht unbedingt überall erwähnt werden, singen die doch nur bei einem Song „Use your voice“ etwas im Background mit. Zudem stösst mir die Veröffentlichungspolitik dann etwas sauer auf, gibt es doch tatsächlich drei Versionen des Albums, wo dann dennoch jeweils nicht alles enthalten ist. Die Japaner und die Target-Kette in Amerika bekomme noch zwei Bonus-Tracks, die in der Fan Box und der normalen CD Version sowieso fehlen. Dafür gibt es dort dann eine wirklich tolle Bonus-CD mit Live Studio Sessions zum Album (also das live gestreamte Minikonzert vom Dezember 2020), einigen Bandklassikern – alles in fast besseren Versionen noch wie auf dem regulären Album – und ein klasse Beatles-Cover von „Across the Universe“ sowie eine MC, mit Audioinhalt des Making of „The Bitter Truth“. Wer also lieber etwas mehr Geld investieren kann, sollte bei dieser Version zugreifen. Es lohnt sich. Ich vergebe bei einem halben Punkt Abzug dann starke fünfeinhalb Punkte für ein tolles, nennen wir es vorsichtig, „Comeback“, auch wenn diese Band ja nie weg war. Skeptiker, die von den schlechten Kritik in den einschlägigen Printmedien wie dem Metal Hammer vom Kauf abrücken wollen, checken halt dann mal die vier Videos bei YouTube und bilden sich ihre eigene Meinung. (Columbia/Sony Music) HJH

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