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Latest Record Project Vol.1

Van Morrison

„Latest Record Project Volume 1“ ist eine Hommage an den Blues, Jazz, Soul und den R&B, für den er ein so tiefes Gefühl hat, seit Morrison ihn als Teenager in Belfast in den frühen 60er Jahren entdeckte: „Das sind meine Wurzeln. Schwarze amerikanische Musik ist das, wovon ich lerne.“

Wie viele Musiker nutzte auch Van Morrison die Isolation aufgrund der Corona-Pandemie im letzten Jahr, um an neuen Songs zu arbeiten. Und wie unglaublich kreativ der 75-jährige Musiker im fortschrittenen Rentneralter immer noch ist, zeigt sein neues Werk: “Latest Record Project Vol. 1”. Album Nummer 42, und dann auch noch ein Doppelalbum: Van Morrison ist und bleibt einer der releasefreudigsten Künstler unserer Zeit. Dass der nordirische Musiker, Sänger und Komponist neben Quantität aber vor allem für Qualität steht, zeigt er in diesen Corona-Zeiten mit diesen 28 Stücken, die er für den Nachfolger von “Three Chords & The Truth” aus dem Jahr 2019 aufgenommen. „Latest Record Project Volume 1“ ist eine Hommage an den Blues, Jazz, Soul und den R&B, für den er ein so tiefes Gefühl hat, seit Morrison ihn als Teenager in Belfast in den frühen 60er Jahren entdeckte: „Das sind meine Wurzeln. Schwarze amerikanische Musik ist das, wovon ich lerne.“

Wie genau sein neues Album klingt, verriet der Ire bereits mit der ersten Singleauskopplung, dem Titeltrack:  „Have you got my latest record project?“, fragt er im Titeltrack. Sein unvergleichlicher Bariton geht mitten ins Herz und sitzt genau zwischen einem warmen Orgelsummen und dem Sha-la-la Doo Wop der Backgroundsängerinnen. “Es ist mit nichts zu vergleichen, was ich früher gemacht habe. Nichts, was man von mir erwarten würde.“ So beginnt ein umfassender Streifzug durch Morrisons anhaltende Liebe zum Blues, R&B, Jazz und Soul, die den Rahmen für sein dynamischstes, aber auch zeitgenössischstes Album seit Jahren bildet. Was auch immer Morrison in der Vergangenheit erreicht haben mag, wie sehr man auch seine klassischen Alben lieben mag, die dem späten 20. Jahrhundert diese transzendentalen Momente beschert haben – dieses neue Projekt beweist, dass er in der Gegenwart verhaftet ist und sehr wohl wahrnimmt, was um ihn herum geschieht. „Ich entferne mich von den gefühlt immer gleichen Songs, den immer gleichen Alben”, sagt Morrison. “Dieser Typ hat 500 Songs gemacht, vielleicht mehr, also warum geht es immer nur um dieselben zehn? Es ist der Versuch, aus dieser Box herauszukommen.”

Morrisons Produktivität ist zweifelsohne eines der positiveren Aspekte unserer erzwungenen Zeit der Isolation. Normalerweise wäre er die meiste Zeit des Jahres unterwegs und damit beschäftigt, auf der Bühne zu stehen. Da ihm dies genommen wurde, musste er sich auf andere Weise betätigen. „Ich hätte vermutlich nie so viel geschrieben, wenn wir nicht zuhause eingesperrt gewesen wären. Normalerweise wäre ich auf Reisen, was enorm viel Zeit in Anspruch nimmt – das hier ist nun alles, was mir zu tun übrigblieb. Manchmal schreibe ich am Klavier, manchmal an der Gitarre, manchmal am Saxophon und nicht immer ist der Song sofort greifbar. Es ist vielmehr ein Prozess, ein Versuchen und Scheitern, ein Ausprobieren verschiedener Akkorde, Rhythmen und Tempi. Und irgendwann zeigt sich, wie es gehen könnte. So habe ich in den meisten Fällen bereits etwas vorzuweisen, wenn ich Andere in den Prozess involviere.“ Das Geheimnis hinter der Direktheit und Lebendigkeit von „Latest Record Project Vol. 1“ liegt in der Synchronizität, die nur deshalb möglich war, weil Morrison eine Band an seiner Seite hatte, die ihn und die sich untereinander so gut kennen, dass sie alle in denselben Groove finden. “Der Schlüssel ist, eine Rhythmusgruppe zu haben, die mich lesen kann”, erklärt er. “Es geht nicht nur darum, gute Musiker in einem Raum zu versammeln, denn das kann leicht zu persönlichen Konflikten führen. Es braucht eine Band, die gut miteinander funktioniert und sprichwörtlich zusammenarbeiten kann, um voranzukommen. Meine Art zu arbeiten, ist spontan und schnell – die Sessions für das Album “Brown Eyed Girl” wurden an einem Tag gemacht, weil alle Jungs zusammengearbeitet haben. Wenn man musikalisch auf einer Wellenlänge ist, wenn die Leute mögen, was sie spielen, dann geht es ab.”

Ein gutes Beispiel für diese Herangehensweise ist „Jealousy“, das dieses Doppelalbum beschließt. Ein vom Saxophon-Sound begleitetes R&B-Juwel über den Umgang mit Dingen, die Leute über einen sagen, wobei der Titel die Beweggründe für diese Dinge bereits andeutet. “Ich schreibe Songs nach einem Konzept aus den 1950er Jahren: Keep it simple”, sagt Morrison. “Ich lasse die Texte die Geschichte erzählen.” An anderer Stelle gibt Morrison jedoch auch schon mal einen direkten Kommentar ab, der zu der Unmittelbarkeit der Musik passt. Im Rock’n’Roll-Stück „Where Have All The Rebels Gone“ beklagt er so das Fehlen echten eigenständigen Denkens, das im modernen Zeitalter so oft durch bloßes Getue ersetzt wird. „Waren sie wirklich so krass, oder war das nur ein PR-Gag?”, fragt er. „The Long Con“ setzt rauchigen Chicago-Blues als Kontrast zu der Geschichte eines zur Fahndung ausgesetzten Mannes. „Sie wollen, dass ich einfach verschwinde und den Kampf aufgebe”, singt er mit einer karamelligen und zugleich rauen Stimme, die das tiefere Gefühl hinter der offensichtlichen Bedeutung der Worte offenbart: „Nun, ich werde weiterkämpfen, denn ich kämpfe um mein Leben.” Das im Carl-Perkins-Rockabilly-Stil gehaltene “Dead Beat Saturday Night” zählt die Dinge auf, die wir alle im letzten Jahr durchgemacht haben: “Kein Leben, keine Gigs, keine Wahl, keine Stimme.” Der Garage-Rock-Spirit von „Stop Bitching, Do Something“ erinnert an Morrisons Teenager-Tage als Anführer von Them und seine Rolle, die er in der britischen Blues-Bewegung spielte. Er hat eine klare wie einfache Botschaft: Wenn dir eine Situation nicht gefällt, tu etwas dagegen! Das fröhliche „A Few Bars Early“ lehnt sich an das für die Country-Musikwelt typische ‚zu viel Spaß an einem Samstagabend‘ an. „Es schien ein gutes Konzept zu sein, den Song in Zusammenhang mit einem Typen zu bringen, der in einer Bar abhängt”, sagt Morrison. „Prince Busters ‚Enjoy Yourself‘ war ein großer Hit, als ich jung war, also verband ich die Gedanken an diesen Song mit dem Abhängen in Bars, wo man jegliches Konzept von Zeit verliert.” Seine Ansichten über soziale Medien bringt Morrison in „Why Are You On Facebook?” zum Ausdruck und fragt nicht ganz unberechtigt „Warum interessiert es Dich wirklich, wer gerade in ist?”. Dann wiederum sind es romantische Gefühle und die Wärme einer trostspendenden Nacht, die er an anderen Stellen des Albums hervorzaubert – also genau das, wofür die Menschen Van Morrison im letzten halben Jahrhundert so geliebt haben. In „Tried To Do The Right Thing“ wägt Morrison die Kluft zwischen Absicht und Ergebnis ab – eine Art Bestandsaufnahme, nachdem die Liebe gescheitert ist – und vermittelt Zuneigung und Bedauern zu gleichen Anteilen. Auf dem bittersüßen Jazz-Stück „Love Should Come With A Warning“ klingt er fast ein bisschen resigniert, wenn er klagt: „I got this letter, cut just like a knife. Said, ‘I met somebody else. Why don’t you have a nice life?’” „You thought you knew me, but you were wrong”, singt Morrison in “Mistaken Identity”. „There’s more to me than my song.” Es fängt die Last des öffentlichen Image ein, mit dem jeder große Sänger umgehen muss. Im fast ausgelassenen „Double Agent“ geht es um Morrisons Erfahrungen im Musikgeschäft. “Ich war wie ein Spion, der sich unwissentlich eingeschlichen hat”, sagt er. “Es handelt also von mir, ist jedoch als Fiktion geschrieben. Im Grunde beobachte und berichte ich während des gesamten Albums.”

Allein der Umfang an Songs des Doppelalbums „Latest Record Project: Volume 1“ zeigt es deutlich: Wenn man Van Morrisons gesamte Kunst wirklich wertschätzen möchte, dann hört man sich auch stets seine aktuellen Werke an – wohlwissend, dass er niemals aufhören wird. „Das hier sind 28 Tracks, aber ich habe über 50 aufgenommen”, sagt er. “Ich werde also vermutlich noch ein weiteres Doppelalbum herausbringen.” Und darauf darf man(n)/frau sich nach diesen Songs von Vol.1 freuen, denn selten klang Van Morrison so modern und dynamisch wie auf diesem Longplayer. (BMG) P.Ro

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