altemaelze

In Another World

Cheap Trick

Das wirkt zeitlos, alterslos, mit „eingängigen Melodien am laufenden Band, tollen Gitarrenharmonien, mitreißenden Chöre – und das alles mit eingebauter Hitgarantie…”

Selbst in einer verrückt gewordenen Welt können wir darauf vertrauen, dass Cheap Trick uns daran erinnern, was wir verloren haben und was wir am meisten brauchen. Die 1974 von Robin Zander (Gesang, Rhythmusgitarre), Rick Nielsen (Leadgitarre), Tom Petersson (Bassgitarre) und dem ehemaligen Drummer Bun E. Carlos (für ihn spiel seit 2010 Rick Nielsens Sohn Daxx Nielsen Schlagzeug) gegründete Band aus Rockford, Illinois, meldet sich mit ihrem 20. Studioalbum „In Another World“ im Früjahr 2020 zurück –das erste seit den 2017 erschienenen, direkt aufeinanderfolgenden Platten „We’re All Alright!“ und „Christmas Christmas“. Produziert wurde das Album von ihrem langjährigen Partner Julian Raymond und Cheap Trick machen darauf das, was sie am besten können: unauslöschlichen Rock’n’Roll mit überdimensionalen Hooks, schelmischen Texten und scheinbar unaufhaltsamer Energie.

Im Gegensatz zu anderen Künstlerkollegen, die sich inzwischen auf ihren hart erarbeiteten Lorbeeren ausruhen, touren Cheap Trick nach wie vor unermüdlich mit bis zu 150 Shows pro Jahr und erweitern stetig ihren Plattenkatalog. „Wir haben in den letzten drei Jahren vier Alben herausgebracht. Diese Arbeitsmoral haben wir aus dem Mittleren Westen übernommen, wo wir aufgewachsen sind.”, sagt Zander und zwinkert: „Trotzdem haben sich die Zeiten ein wenig geändert: unsere ersten vier Alben sind innerhalb von nur zwei Jahren entstanden.“  Nielsen ergänzt: „Wir versuchen, unsere Songs einfach rauszuhauen. Wir waren nie eine dieser Bands, die sich monatelang im Studio verschanzen und versuchen, es immer noch besser und besser zu machen.“ Cheap Trick schreiben einen Großteil ihres jüngsten kreativen Aufschwungs sowohl Daxx Nielsen als auch dem Oscar-nominierten Produzenten und Songwriter Julian Raymond zu – dem de facto “fünften Mitglied” und engen Freund der Band seit über 30 Jahren. „Julian ist ein Geschenk des Himmels.”, erklärt Nielsen. „Mit uns zu arbeiten ist wie einen Sack Flöhe zu hüten, doch er schafft es. Er hört auf jeden. Schlechte Ideen, gute Ideen, er hört sich alles an. Das macht einen richtigen Produzenten aus.” „Wir betrachten ihn als Teil der Band.”, sagt Zander. „Er ist Songwriter, Sänger, Musiker und Produzent. Er ist das Komplettpaket aus all den Menschen, mit denen man arbeiten möchte.”

Die Aufnahmen zu „In Another World“ fanden zusammen mit Raymond in den Love Shack Studios in Nashville statt, während einer freien Woche der schier endlosen Tour der Band. Die Herangehensweise an das Songwriting war wie immer: jedes Mitglied steuerte Ideen und musikalische Elemente bei, die dann durch die kollektive Kreativität zu einem Ganzen wurden. „Jeder von uns hat ein Heimstudio.”, erklärt Zander. „Das Grundmaterial – die Demos und Vorproduktionen – spielt jeder bei sich zuhause ein und dann fügen wir es als Band zusammen. Wenn eine Idee unausgereift ist, arbeiten wir gemeinsam daran. Dann nehmen wir uns eine Woche Zeit, gehen zusammen ins Studio und nehmen die Platte auf.“ „Wir haben über all die Jahre verschiedenste Ideen gesammelt”, ergänzt Petersson. „Einige davon haben wir aus unterschiedlichen Gründen nicht weiterverfolgt. Doch nun sahen wir sie mit anderen Augen und sagten ‚Was ist das? Wow, das ist großartig!‘“. Der neue Longplayer zeigt Cheap Trick in ihrer eklektischsten Form, mit einer Vielzahl unterschiedlicher Sounds und Songs. Es beginnt mit einem Song, der erstmals 2018 als eigenständige Single unter dem Titel „The Summer Looks Good On You“ erschien, gefolgt vom halsbrecherischen „Another World (Reprise)” bis hin zur sumpfigen Chicago-Blues-Nummer „Final Days”. Auf letzterer ist die feurige Mundharmonika des Grammy-nominierten Sängers und Wet Willie-Frontmanns Jimmy Hall zu hören.  „Cheap Trick war schon immer sehr vielseitig”, sagt Nielsen. „Wir haben nicht einfach versucht, einen Song zu schreiben und den Rest der Platte mit einem Haufen anderer, die nur halb so gut sind, zu füllen. In unseren Songs finden sich eine Menge Nuancen. Sie klingen ziemlich einfach, sind es aber nicht.“ Das Album ist von einem leicht düsteren Gefühl der Unwissenheit durchdrungen und verleiht Songs wie „Another World“ und „So It Goes“ in diesen seltsamen Zeiten eine neue, eindringliche Tiefe. „The Party“ beispielsweise erinnert zunächst an die wilden Zeiten des Sunset Strips in den 80er Jahren, handelt in Wirklichkeit aber vom Leben am Rande des Todes. Unter den 13 Tracks findet sich auch eine zeitgemäße Interpretation von John Lennons immer noch relevantem „Gimme Some Truth“. Der Song wurde ursprünglich am „Record Store Day Black Friday“ 2019 veröffentlicht. Auf ihm ist der unverkennbaren Gitarrensound des ehemaligen Sex Pistol Steve Jones zu hören. „Die Idee kam mir beim Fernsehen, als ich wieder einmal einem Politiker zuhörte.“, sagt Zander. „Sie werden dir ja auch einfach ständig vor die Nase gesetzt. Dabei kam mir dieser Song in den Sinn und ich dachte ‚Oh mein Gott! Er bedeutet heute noch mehr als damals, als John ihn schrieb‘. Also ging ich in mein Studio und nahm eine eigene Version davon auf. Die Single kam zwar bereits vor dem Album heraus, aber wir beschlossen, sie trotzdem auf die Platte zu packen.“  Und Peterson fügt hinzu: „Es ist so cool, Jones auf dem Album zu haben. Er ist ein lustiger Typ, hat einen unverwechselbaren Stil, ein außergewöhnliches Gespür und macht einen großartigen Sound. Einfach perfekt für diese Art von Song.“ Passt auch gut zur Band, denn sie haben schon immer ein Faible für den Sound der Fab Four gehabt. „Diese Platte spiegelt ganz besonders wider, was gerade in der Welt um uns herum passiert.“, führt Zander aus. „Wir waren immer eine positive Band und stets hoffnungsvoll, wenn auch hin und wieder ironisch. Doch nun, wo wir älter werden, spielen wir nicht mehr so sehr mit der Schadenfreude.“ Petersson fügt hinzu: „Wir gehen den Dingen nicht aus dem Weg, nur um Alben zu veröffentlichen. Was auch immer passiert, passiert. Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll. Alles erscheint jetzt verrückt, aber als wir aufwuchsen, war es auch verrückt. Vietnam, Nixon. Kent State. Jemand fragte mich einmal, ob es auch damals schon so schlimm war. Ja, das war es. War es polarisierend? Ja. War es beängstigend? Ja. Im Nachhinein betrachtet, war es genauso wie heute. Wenigstens konnte man sich damals bei einer Rock’n’Roll-Show ablenken, aber daran können wir im Moment nichts ändern.”  Das wirkt zeitlos, alterslos, mit „eingängigen Melodien am laufenden Band, tollen Gitarrenharmonien, mitreißenden Chöre – und das alles mit eingebauter Hitgarantie…”  – wie in einer Kritik zu lesen war. Cheap Trick sind und bleiben eine feste Größe und haben damit ihr bestes Album seit Jahren abgeliefert. (BMG Rights Management) P.Ro

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