altemaelze

Yol

Altin Gün

Die äußerst vielfältigen Traditionen anatolischer und türkischer Folk Music bilden weiter die Basis für „Yol“, aber das Album gestaltet diese Sounds nicht nur für ein heutiges Publikum aus, sondern bietet darüber hinaus einen Avant-Popsound. Mysteriös und atmosphärisch zugleich umschmeichelt sie die Hörer in einer Klangwelt aus Electro-Downtempo-Beats, majestätisch klingenden Synthesizern und Erdinç Ecevits wehmütigen Vocals über eine unerwiderte Liebe.

In den 60ern und 70ern des letzten Jahrhunderts war Psychedelic Rock nicht nur bei uns, sondern auch in der Türkei sehr populär. Und der holländische Bassist Jasper Verhulst, der einst mit Jacco Gardner in Istanbul performte, war so fasziniert vom Sound der Türkei der 70er Jahre, dass er mit Altin Gün eine Band gründete, um diesen Sound wiederzubeleben. Und hat damit Erfolg. Mit seinen Mitmusikern Ben Rider (Gitarre), Daniel Smienk (Schlagzeug) sowie Gino Groeneveld (Percussion) und den beiden Sängerinnen Merve Dasdemir und Erdinç Ecevit legt er jetzt nicht nur das dritte Album vor, wo die Band Rockmusik aus Anatolien mit psychedelischer Musik aus der Türkei verbindet, auf dem neuen Album „Yol“ („Weg“) stoßen verträumte 1980er Synthie-Pop-Musik und Dancefloor-Ausflüge hinzu. Die Songs zeigen damit eine neue und überraschende Sound-Palette. Die äußerst vielfältigen Traditionen anatolischer und türkischer Folk Music bilden weiter die Basis für „Yol“, aber das Album gestaltet diese Sounds nicht nur für ein heutiges Publikum aus, sondern bietet darüber hinaus einen Avant-Popsound wie z.B. in der ersten Singleauskopplung „Ordunun Dereleri“. Mysteriös und atmosphärisch zugleich umschmeichelt sie die Hörer in einer Klangwelt aus Electro-Downtempo-Beats, majestätisch klingenden Synthesizern und Erdinç Ecevits wehmütigen Vocals über eine unerwiderte Liebe. Auch der Aufnahmeprozess war ein anderer als bei den ersten beiden Alben. Sängerin Merve Dasdemir erzählt: „Wir saßen drei Monate lang zuhause fest und spielten Demos ein, zu denen alle ihren Teil beitrugen. Das transnationale Gefühl mag von diesem Demoaustauschprozess über das Internet herrühren, einen Teil der Musik machten wir im Studio, aber der Lockdown bedeutete für uns, dass wir einem anderen Ansatz folgen mussten.“ Die spürbare Verträumtheit in den zwölf neuen Songs von Yol ist vielleicht aus dieser erzwungenen Zeit der Reflektion entstanden und wird von Euro-Synthiepop-Akzenten der späten 1970er oder frühen 1980er Jahre durchleuchtet. Dieser neue musikalische Ansatz nährt sich auch durch die Auswahl der Instrumente wie dem Omnichord in den Songs „Arda Boyları“, „Kara Toprak“ und „Sevda Olmasaydı“ und der Drum Machine im letzten Stück „Esmerim Güzelim“. „Bassist Jasper Verhulst liebte den Song“, so Merve Dasdemir und weiter: „Er sagte, es klinge nicht wie Altın Gün, es klinge wie ein türkischer Musiklehrer im Kindergarten der 1980er Jahre, der einen 808 einsetzt!“. Die neuen Sounds durchwirken aber nicht das komplette Album – Songs wie „Sevda Olmasaydı“ oder „Maçka Yolları“ schließen sich nahtlos ihren letzten Alben an und die bei der Band schon immer im Überfluss sprudelnden neuen Ideen und Ansätze kann man in den fast schon brasilianisch anmutenden Stücken „Kara Toprak“ und „Yekte“ hören und kosmischer Reggae sickert durch den Groove von „Yüce Dağ Başında“. Altın Gün könnte mit Yol den ureigenen magischen Prozess der Neuinterpretation und klanglichen Spurensuche patentiert haben, ein Prozess, den man wahrscheinlich seit dem britischen Folk-Rock-Boom der späten 1960er und frühen 1970er Jahre so nicht gehört hat. Ihre Aufnahmen befördern die Hörer weniger mit Neuinterpretationen als durch Verführung in eine Welt, in denen die zugrunde liegenden Originalkompositionen selbst nie gelebt haben. Dazu nochmals Merve Dasdemir: „Nachdem wir an ihnen gearbeitet haben, bekamen sie ein völlig neues Eigenleben“ und mit einem Lachen sagt sie weiter: „Vielleicht sind wir ein wenig zu weit gegangen.“ Altin Gün sind einmalig, unverwechselbar und nach wie vor eine der spannendsten Entdeckungen der internationalen Rockszene! (Glitterbeat) P.Ro

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