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Sealand Airlines

Sealand Airlanes

Das ukrainische Quartett „Sealand Airlines“ legt damit ihr gleichnamiges Debütalbum vor.

Es ist kaum mehr als 40 Jahre her, da sorgte das Aufkommen des Phänomens „Progressive Rock“ in der Musikszene für großes Aufsehen. In den folgenden Jahrzehnten erlebte er unterschiedliche Ausgestaltungen und Ansätze, doch verschwunden ist er bis heute nicht. Denn impliziert das Wort „progressive“ ja einerseits ein Voranschreiten im Sinne der Avantgarde, also ein Weiterdenken, ist gleichzeitig auch ein Fortschrittsgedanke damit verbunden. Ein Stillstehen wäre also auch heute fehl am Platz. Das beweist auch das ukrainische Quartett „Sealand Airlines“ mit ihrem gleichnamigen Debütalbum. Dort geben sie einen eindrucksvollen Versuch ab, wie sich Progressive Rock heutzutage im 21. Jahrhundert anhören kann. Ihre Vorgehensweise zeichnet sich dadurch aus, dass sie Tradition und Moderne miteinander verbinden, also Merkmale des klassischen Prog aus den 70er Jahren und zeitgenössische Tendenzen der Pop- und Rockmusik. Nicht zuletzt findet sich hier eine Synthese unterschiedlichster Stile, die sich aus den verschiedenen Hintergründen der Bandmitglieder ergeben. Einflüsse des Hard-Rock, elektronischer Dance-Musik und synthesizergetragenen Popmusik sind kaum zu negieren. Diese Mischung und auch die Kombination von Tradition und Moderne ist nicht umsonst eines der zentralen Merkmale der progressiven Rockmusik, das offensichtlich mehr als 40 Jahre überdauert hat. Einerseits ist „Sealand Airlines“ also stark der Tradition verhaftet, wie man es auch gut an der Instrumentation und Rolle der Instrumentalisten sehen kann: Hammond-Orgel, Fender Rhodes Piano und Synthesizer dominieren das Geschehen, doch auch die E-Gitarre steht besonders in solistischen Teilen im Vordergrund. Die Stücke sind besonders rifflastig, entwickeln sich, driften in einen Instrumentalteil ab, um dann wieder in das Riff zurückzukehren. Auffällig ist auch das verstärkte Spiel mit Effektgeräten und Verzerrung. Doch andererseits geht das Quartett selbstbewusst mit dem Erbe um und verwirklicht eigene Ideen, versucht sich auch ein wenig von diesem Erbe zu lösen, mit dem man schnell verglichen wird. Auf „Sealand Airlines“ demonstrieren sie ihren eigenen Umgang mit progressiver Rockmusik. So stehen zwar die instrumentalen Stellen im Vordergrund, nehmen aber nicht den gesamten Raum innerhalb der acht Stücke ein. Der Gesang nimmt genauso eine wichtige Stellung ein. Auch werden die eben genannten Instrumente nicht immer in alt gewohnter Manier eingesetzt, besonders der Synthesizer verrät eine uns heute eher bekannte Behandlung. Der wohl größte Unterschied liegt darin, dass sich Sealand Airlines von den typischen Überlängen und großen Strukturen des klassischen Prog verabschiedet. Die Stücke pendeln sich zwischen drei und fünf Minuten ein, damit passt sich die Band ganz klar den vorherrschenden Hörgewohnheiten an. Ebenso nehmen sie von allzu komplexer Musik und virtuoser Ausgestaltung Abstand. Das soll auf keinen Fall im negativen Sinn heißen, dass es sich hierbei um banale, einfältige Musik handelt, im Gegenteil. Sie ist klar konzipiert und bestens durchdacht. Im Zentrum stehen aber ganz klar die packenden und eingängigen Riffs, die die Musik auch breiteren Hörerkreisen zugänglich machen soll und zum Abrocken einladen. Die Musik erfordert also nicht das gewohnte strikte und konzentrierte Hinhören, was aber nicht bedeutet, dass man es nicht tun sollte. Denn sonst würde man die gekonnten Arrangements und die verschiedenen Ebenen der einzelnen Stücke und überhaupt die Vielfältigkeit innerhalb der acht Stücke verpassen. Oder die packende und schiere Energie, ja diese unbändige Freude, am Musizieren, wie die vier Musiker voranpreschen, oder im Sinne des Progressiven: Voranschreiten und neues entdecken. Ob man nun „Sealand Airlines“ nach obiger Diskussion in die Schublade des Prog Rock stecken will, sie woanders zuordnet oder gar als etwas Eigenes betrachtet, soll dem Hörer nach Genuss der Scheibe selbst überlassen werden. (Sign Records) NiKu

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