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Fatum – Das Klima und der Untergang des Römischen Reiches

Kyle Harper

Verlag H.C.Beck 2020, Hardcover, 567 S., 32 Euro
Aus dem Englischen von Anna Leube und Wolf Heinrich Leube.

Fatum ist der Titel des Buchs des Historikers Kyle Harper. Das bedeutet Götterspruch, Schicksal, Bestimmung, und weist den Leser bereits auf das Ergebnis seiner wissenschaftlichen Untersuchung hin. Der Autor beleuchtet den Zusammenhang von Klimawandel, Krankheiten und Seuchen als entscheidende Ursachen, die das Ende des römischen Weltreiches herbeiführten.
In einer ausführlichen und mit zahlreichen Quellenangaben belegten Analyse beschreibt Harper zunächst die „goldenen Jahre“ der römischen Herrschaft. Das Klimaoptimum zwischen 200 v.Chr. und 150 n.Chr. mit milden Temperaturen und reichlich Niederschlägen im Mittelmeerraum sicherte die Nahrungsversorgung des römischen Reiches, sie waren die Grundlage für das Wachsen und die Stabilität des Imperiums. Getreidetransporte aus den Provinzen Nordafrikas und Ägyptens stellten die Versorgung der Millionenstadt Rom sicher. Die Handelsbeziehungen innerhalb und auch außerhalb der Grenzen des Imperiums bedeuten Warenaustausch und Versorgungssicherheit. Dennoch waren die Menschen von vielfältigen Krankheiten bedroht: Durchfall, Atemwegserkrankungen, Parasiten und Malaria waren permanente Begleiter der Bevölkerung in den urbanen Gebieten. Drei Krankheitsausbrüche, die als Pandemien bezeichnet werden können, versucht der Autor anhand verschiedener Dokumente genauer zu bestimmen, sowohl Pocken als auch eine Influenzaepidemie kommen in Frage, auch Ebola wird nicht ausgeschlossen: Die Antoninische Pest (165 n.Chr.) sowie die Cyprianische Pest (249 – 262 n.Chr) sind in vielen Dokumenten der Antike erwähnt, ebenso die große Zahl an Opfern der Seuchen. In der Spätantike macht sich die Klimaverschlechterung deutlich bemerkbar, die Getreideerträge sinken rapide und die Versorgung der Bevölkerung ist nicht mehr gewährleistet. Als Beschleuniger der klimatischen Veränderung werden Vulkanausbrüche und eine verminderte Sonnenaktivität vermutet, sie beenden die Stabilität des Reichs. Einhergehend mit dem demografischen Zusammenbruch und dem invasorischen Druck an den Grenzen des Reichs führen diese Faktoren in die Krise der Spätantike.
Diese Ausnahmesituation belegt Harper mit beeindruckendem Material aus verschiedenen Wissenschaftsbereichen. Anhand von genetischen Daten, Knochenuntersuchungen, der Chronobiologie und Eiskernbohrungen belegt er sowohl die Temperaturschwankungen als auch das Auftreten einer weiteren Seuche, der Pest, die nach seinen Belegen zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert in verschiedenen und immer wiederkehrenden Wellen die Menschen heimsuchte. Nach seinen Recherchen reduzierte sich die Gesamtbevölkerung des Mittelmeerraums sowie in den ehemaligen Provinzen in diesem Zeitabschnitt um die Hälfte. Die Menschen fehlten sowohl für die Arbeit in der Landwirtschaft als auch zur Verteidigung der Grenzen, ganze Landstriche wurden entvölkert. Von diesen Katastrophen konnte sich das Imperium nicht mehr erholen.
Das Vordringen der Hunnen nach Ost- und Mitteleuropa ist nach Ansicht des Autors die Folge einer Jahrzehnte währenden Dürre in Zentralasien, dem Ursprungsort der nomadischen Volksgruppe. Dadurch waren sie gezwungen, ihr bisheriges Siedlungsgebiet zu verlassen, sie drangen weit nach Westen vor, und verdrängten dabei als „Klimaflüchtlinge“ andere Völker. Diese Wanderbewegungen führten mit den beschriebenen Seuchen, dem wirtschaftlichen Zusammenbruch und der Klimakatastrophe zum Ende des antiken Weltreichs. Nicht, dass das römische Reich unterging, sondern dass es sich so lange gehalten hat, sei das eigentlich Verwunderliche.
Dieses mit vielen Grafiken und Textbelegen versehene Werk zeigt eine mit aktueller wissenschaftlicher Methodik geführte Analyse der Spätantike, wobei der Autor Vermutungen als solche konkret benennt, Fakten und Theorien sind klar unterschieden. Allerdings stören beim Lesen oft ausufernde detailreiche Darstellungen, redundante Passagen und eine manchmal zu erratische Sprache. Ein kritischer Lektor sowohl der Originalfassung als auch der Übersetzung hätte dem Buch nicht geschadet. (arm)

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